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Bewegung - Blog

Eine kleine Geschichte von Scheitern und Erfolg

Wenn wir uns neue Bewegungen erobern, scheitern wir oft zunächst, bevor wir den Weg zum Erfolg in uns finden. Der Weg zu neuen Räumen trägt dabei manchmal alles in sich, was eine Geschichte ausmacht: Wendepunkte, Einsichten, gar klassische Storystrukturen.

Scheitern

Neulich war ich am Spielplatz um zum xten Mal für die letzte Technik zu trainieren, die mir noch zum MovNat Certified Trainer Level 2 fehlte: den Tuck Pop Up. Wochenlang trainierte ich darauf mit Kraftaufbau- und Vorübungen. An diesem Tag am Spielplatz gab es den Moment, wo ich dachte, ich gebe auf. Ich schaff das nicht. Ich scheitere schon an den Vorübungen, trotz der sichtbaren Muskeln, die ich in den Wochen im Schulter- und Rückenbereich aufgebaut habe und messbarer Kraft- und Leistungsteigerung bei Hängdauer und Wiederholungen.

Vielleicht habe ich ungünstige anatomische Voraussetzungen, dachte ich, zu dünne Arme. Ich kann doch gar nicht so schlecht sein, und da kann eigentlich nicht so viel fehlen an Kraft. Irgendwo muss der Wurm in meinem Training stecken. Ich konnte spüren, wie mein Körper bei den Übungen dichtmachte, dass ich keine präzise Ansteuerung praktizierte. Ich trainierte ohne Ruhe, ohne Achtsamkeit, ohne mir selbst zuzuhören. Eigentlich machte ich alles falsch, was ich bei meinen Schülern und Klienten monieren würde.

Also beschloss ich: Ich trainiere ab jetzt mit mehr Sorgfalt. Ich übe die Technik an sich, aber an der Kinderstange. Dort, wo meine Beine mein Gewicht unterstützen können, sodass ich mich auf Arme, Schultern und die Ansteuerung meiner Oberkörpermuskulatur konzentrieren kann. Wo ich ruhig und achtsam bleiben kann.
Die nächsten zehn Minuten arbeitete ich von hinten nach vorne und zeigte meinem Körper, wie sich die Technik anfühlen würde. (Übrigens auch eine Technik im Storytelling: Mit dem Ende beginnen).

Wendepunkt

Sieh da, an der Kinderstange war ich super. Allzu viel Unterstützung über die Beine brauchte ich gar nicht. Ich verstand nicht, wieso ich an den anderen Balken so schlecht war. Daher, aus diesem kleinen feinen Fünkchen Hoffnung namens Vielleicht, ging ich zurück an das Gerüst und probierte ein letztes Mal die Technik im eigentlichen Setting, also am hohen Balken. Ich habe nicht erwartet, hochzukommen. Doch plötzlich hing ich mit dem Oberkörper über dem Balken, fast erschrocken, und merkte, die paar Zentimeter gehen auch noch. Zwar mit ein bisschen Ächzen und Zappeln und miserabler B-Note, aber was zwanzig Minuten vorher unerreichbar schien, war gemeistert.

Dann die Flut der Freude, dieses Gefühl, wenn wir eine Fähigkeit nach langem Üben hinzugewonnen haben. 

Lektionen

Was sind die Lektionen? Nicht aufgeben, auf Frustration folgt Freude oft schneller als man denkt. Achtsamkeit und Ansteuerung. Wie wichtig es ist, konkret und mit einer gewissen Weichheit trotz der Anstrengung zu trainieren. Dem Körper geben, was er braucht, damit er die Technik meistern kann. Nicht blind weitermachen, analysieren, ehrlich sein, sich zuhören, neue Wege finden. Wie schnell der Wendepunkt kommen kann. Das alles in uns vorhanden ist, was wir brauchen, und dass wir manchmal nur unseren Ansatz ändern müssen. 

Eroberung: Neue Räume erschließen

Wir haben einen Impuls in uns, der uns lernen, Fähigkeiten, Erkenntnisse oder Eigenschaften erobern wollen lässt. Er zieht uns dorthin, wo wir uns weiterentwickeln, geistig, körperlich, emotional. Daraus schöpfen wir Kraft, Inspiration, Freude und Lebendigkeit. Manchmal ist es die Kunst, die uns in neue Räume zieht, manchmal der Körper.

Von Birgit Jaeckel (Autorin)

Autorin, Story Coach & Kommunikationsberaterin