Werkzeuge bei der Charakterentwicklung

Für Roman- und Drehbuchautoren ist ein umfangreiches Wissen über die Welt der Geschichte und die Figuren, die sie bevölkern, unabdingbar. Es reicht nicht, die Details zu kennen, die auf einer Seite beschrieben werden. Wir müssen auch das kennen, was zwischen den Zeilen steht, was zwischen den Seiten und Kapiteln passiert, was vor der eigentlichen Handlung geschah, all die großen Entscheidungen, Wendepunkte, Konflikte, welche die Welt und ihre Figuren zu dem formten, was sie in unserem Werk sind (Back Story).

Figuren-Merkmale & -Biographien – mehr als nur eine Liste

Das bedeutet für den Verfasser, die Biographien der  Charaktere im Kopf zu haben. Deshalb raten viele Schreibratgeber, sich die Zeit zu nehmen und tief in den Charakter einzutauchen. Sich für die Charakterentwicklung Fragen zu stellen zu körperlichen Attributen, Psyche und sozialen Umfeld aber dabei deutlich über eine reine Auflistung von Merkmalen (z.B. groß, dunkelhaarig, muskelbepackt, war Einser-Schüler) hinauszugehen. Wieso ist diese Figur muskelbepackt? Gab es einen Moment in seiner Kindheit, wo er oder sie sich schwor, niemals wieder der körperlich Unterlegene zu sein? War er immer der beste in seiner Klasse und haben sie ihn Anfangs Streber genannt, bis er körperlich zu stark wurde, um ihn noch zu hänseln? Etc.

Mehr Nähe und Verständnis durch Ich-Form

Ich kann empfehlen, sogar einen Schritt weiter zu gehen. Nämlich nicht nur die Biographie der wichtigsten Charaktere niederschreiben, sondern ihre Autobiographien. Sprich, in die Ich-Perspektive zu wechseln.

Empathie, Verständnis entsteht durch Nähe, und die größte Nähe finden wir, wenn wir die Schranken zwischen uns und einer anderen Person auflösen. Ihre Perspektive einnehmen. Die Ich-Form ist ein Trick, unsere Figuren besser von innen heraus zu verstehen.

Ich selbst schreibe natürlich auch nicht hundertseitige Autobiographien oder für sämtliche Szenen Ich-Perspektiven aller beteiligten Personen. Aber punktuell hilft es ungemein, wenn ich als Autor tatsächlich den Blickwinkel wechsele und in die Haut der Figur schlüpfe. Es hilft dabei, nicht nur Fakten herunter zu rattern, sondern in das WARUM eintauchen, in den Tiefencharakter der Figur. Zu verstehen, wieso die Figur in einer bestimmten Situation/Szene auf eine bestimmte Art handelt.

Umgekehrt – also als Leser, der ein Werk liest – lässt sich diese Technik natürlich ebenfalls einsetzen – so wie Schauspieler, die aus einem Drehbuch heraus den Charakter ihrer Figur so für sich extrahieren, dass sie zu ihm werden. Ich bin sicher, gute Schauspieler denken dann auch „ich“.

Subjektivität vor Objektivität

Um zu verstehen, was für ein Mensch die Figur des Pater Familias, Fredrik Stolt, in Ins Eis ist, habe ich z.B. folgenden Absatz im Rahmen seiner Personencharakterisierung notiert:

„Ich bin für die Familie und die Menschen, die mir anvertraut sind, verantwortlich. Für sie schaffe ich und manchmal muss ich auch entscheiden, was das Beste für sie ist.”

Natürlich hatte ich das Prinzip dieses Glaubenssatzes in seinem Wesen bereits im Hinterkopf. Ich hätte jederzeit einen Satz wie „Fredrik ist ein Typ, der sich aus besten Absichten in das Leben seiner Familie einmischt” formulieren können. Aber in der Ich-Form zu schreiben, macht es mir leichter und liefert oft bessere Ergebnisse. Manchmal folgt gar eine Art Flow.

Zu Papier gebracht, wären solche autobiographischen Texte vergleichbar mit einem inneren Monolog oder Bewusstseinsstrom in einem Roman, doch diese Sequenzen müssen nicht zur Veröffentlichung gedacht sein. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings groß, dass sie uns Dialog-Schnipsel, Sätze, Inhalte für das eigentliche Werk liefern.

Achtung bei Romanen & Co – nicht zu viel „erklären“

Ich könnte Fredrik einen Satz wie oben nun natürlich direkt selbst sagen lassen – oder jemanden anderen über ihn. Dabei sollte sich ein Autor allerdings gut überlegen, wie viel er dem Leser “erklärt” und was er ausdrückt, indem er es zeigt (Prinzip: Show, don’t tell!).

Natürlich sind wir sind total stolz darauf, dass wir diesen Charakter so gut verstehen, dass wir die tiefsten Einblicke in ihn haben. Wir baden in unseren Erkenntnissen und möchten sie vielleicht sogar gerne teilen. Es dem Leser, Zuschauer leicht machen, ihm helfen, wie wir – so meinen wir zumindest– einander helfen, wenn wir unsere Meinung zu einer Person im Bekanntenkreis teilen.

Aber es geht dem Publikum ja auch um den Weg. Die Geschichte mit eigener Interpretation zu erfüllen. Eigenem Wissen, Erfahrung, die Freiheit, die ganz private Bedeutung für sich selbst zu extrahieren. Oder stellt Euch vor, Ihr hättet am Ende Eurer Lieblingsgeschichten einen Anhang, in dem minutiös aufgeführt wird, was welche Figur im Übrigen in welcher Situation gedacht hat und wieso sie genau so und so gehandelt hat und nicht anders. Oder eine konstante Voice-Over bei Filmen, wo sich die handelnde Person selbst erklärt …

Dann lieber zu einer Lesung gehen und dem Autor ein paar  Fragen stellen, oder?

Die Druidin – ein dritter Teil?

In letzter Zeit habe ich wieder mehrmals die Frage gestellt bekommen, ob es noch eine weitere Fortsetzung von Die Druidin geben soll. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die noch zehn Jahre später der Druidin und dem Fluch der Druidin einen besonderen Platz im Bücherregal einräumen!

Leider ist – auch von Verlagsseite – momentan kein dritter Teil geplant. Aber jedes Mal, wenn ich die Frage gestellt bekomme, fängt es an, mich in den Fingern zu jucken. Insofern, sag niemals nie …

Jedenfalls, weil einige Leser gerne wissen wollen, wie es mit Sumelis weitergeht, im Folgenden ein paar Gedanken dazu, wie ich die Jahre, die auf das Ende von Der Fluch der Druidin, folgen, sehe.

Talia und Sumelis – Wie es weitergehen könnte

(!!!!Wer nur Schönes und nichts Trauriges hören will, sollte rechtzeitig aufhören zu lesen!!!!)

Sumelis, denke ich, wird einige glückliche Jahre erleben. Mit einem fürsorglichen Mann und Kindern. Familienleben.

Talia wird weiterhin immer wieder an ihren alten Dämonen zu beißen haben, und sie wird – ungewollt? – das auch andere spüren lassen, die unschuldig sind. Aber sie hat ja Atharic, der sie schon zurechtbiegen wird, wenn sie zu weit geht.

Keine heile Welt, aber im Großen und Ganzen gute Zeiten.
Allerdings…

Schon als ich Die Druidin geschrieben habe, wusste ich, wie Sumelis einmal sterben wird. Habt Ihr den Film „Legenden der Leidenschaft“ gesehen? Wie Tristan einst sterben wird, wird in den ersten Szenen bereits angedeutet. So ähnlich ist es mit Sumelis.

Es wäre eine Szene, die ich, obwohl sie traurig ist, gerne schreiben würde.

Habe ich Euch jetzt ein Ende eines potentiellen Fortsetzungsbands verraten? Nein, ich glaube nicht. Denn wenn es irgendwann eine Fortsetzung geben sollte, wäre Sumelis keine Hauptfigur. Wieso nicht? Weil es für mich als Autorin wohl nicht funktionieren würde.

Fortsetzungen brauchen Figuren, die sie tragen können

Sumelis ist – anders als ihre Mutter Talia – ein zu konfliktfreier Charakter. Zu perfekt, zu sehr reine Lichtgestalt. Ihre Konflikte und Krisen ergaben sich aus ihrer Beziehung mit Nando. Noch einmal könnte ich eine solche Konstellation nicht wiederholen, und ohne ein solches Spannungsfeld wird es … langweilig, fürchte ich. Ein guter Fortsetzungsroman braucht Neues, ohne das Alte komplett über Bord zu werfen.

Talia ist von ihrem Potential für weitere Geschichten eine andere Dimension. Sie ist ein Kristallisationspunkt für Konflikte – insbesondere auch innere und persönliche Konflikte. Ich könnte ewig über sie schreiben.

Das Eigenleben von Figuren

Mein ehemaliger Agent warnte mich einmal, er habe häufiger Autoren erlebt, die eine Figur oder ein Element ihrer Werke nicht loslassen konnten. In diesem Sinne könnte Talia für mich eine recht aufdringliche Nebenfigur werden. Was sicherlich kein Garant für ein gutes Buch ist.

Für mich als Schriftstellerin beginnen meine Figuren zu leben. Und wie lebendige Menschen, stellen sie Anforderungen, fordern Aufmerksamkeit ein. Kurz, sie können anstrengend werden.

Ein Journalist schrieb in seiner Buchbesprechung über Talia einmal, sie sei „blutvoll“ gezeichnet. Das hat mir sehr gefallen. Es ist der Moment, in dem ich als Geschichten-Erzählerin weiß, ich habe etwas richtig gemacht.

Welche Figur aus Die Druidin und Der Fluch der Druidin war Eure Lieblingsperson? Und vor allem: Warum?

Fast genial – Ein Roadtrip

Fast genial von Benedict Wells

Viel Wahrheit, viel Hoffnung und Aussichtslosigkeit, viel Jugend, ein Ende zum Mitfiebern

Ein junger Mann, das Ergebnis eines genetischen Experiments elitärer Wissenschaftler. Francis hat seinen leiblichen Vater nie getroffen. Er war ein Experiment der Samenbank der Genies – wo Frauen sich mit dem Sperma hochintelligenter Spender befruchten ließen. Nur dass Francis in einem Trailerpark lebt – amerikanische Unterschicht. Mit einer depressiven, geschiedenen Mutter und Aussichten, die mit jedem Tag düsterer werden. Die Würfel seines Lebens, längst gefallen. Bis er sich entschließt, seinem sich abzeichnendem Schicksal die Stirn zu bieten.

Das Buch ist ein Roadtrip in die Seele des amerikanischen Traums und amerikanische Realität. Ein in glitzernde Las Vegas Hoffnung gehülltes Gesellschafts- und Jugenddrama mit Kindern, denen das Recht auf Eltern abgesprochen wurde, Freundschaft und erster Liebe, die wie alles andere mit Hoffnung auf Rettung im Außen operiert, materialistisch, ja, aber wie höhnisch wäre es, das vorzuwerfen, denn das Leben ist eh nichts anderes als der Wurf einer Münze.

Das Buch ist nicht reich an kreativer Originalität, es schockt nicht einmal mit Bildern, Momenten, Charakteren, die der deutsche Mittelstandsbürger sich nie hat vorstellen können. Doch es schafft einen entlarvenden Wendepunkt am Ende des zweiten Akts und bleibt in sich konsistent und stets im Thema, welches viel Raum für die Lebenseinstellung des Lesers lässt. Vor allem schafft Wells meisterhaft Empathie und Sympathie für seine Hauptfigur. Diese führt er zwar erst zum Ende hin zu einem Crescendo, wenn die Hoffnung schon längst verraten ist, doch beweist er in dieser entscheidenden Sequenz sein Können als Autor, der die Grenze zwischen Leser und Helden aufzulösen vermag. So liest sich der Schluss mit angehaltenem Atem, Francis will…. der Leser will… dass dieser Junge siegt. Das Ende ist für manche vielleicht unbefriedigend, aber zwingend; die Antwort subtil eingeführt, sie zerschmettert nicht, aber hallt dafür umso länger nach.

Fazit: Im Mittelteil mangelt es Fast genial gelegentlich an Originalität in Handlung und Charakteren, aber auf den letzten Seiten ist das Buch nicht aus der Hand zu legen. Bedeutungsvoll, wahr, menschlich, authentisch. Fast genial.

Wie entfaltet die Story ihre Wirkung?

Struktur & Wendepunkte

Das Buch ist recht klassisch strukturiert, mit drei Akten:

Erster Akt: Bis zum Selbstmordversuch der Mutter und ihrem Brief. Dieser Wendepunkt am Ende des ersten Akts schickt den Protagonisten auf seine Suche.

Zweiter Akt: Der „Roadtrip“. Francis sucht, er kämpft für seine Zukunft. Der Wendepunkt am Ende des zweiten Akts enthüllt dem Protagonisten das für ihn Wesentliche über die Welt.

Im dritten Akt (mit dem vielsagenden Titel: Amerika) hat Francis das Glück als das einzig wahre Schicksal akzeptiert. Er holt zu seinem finalen Ausbruchversuch aus …

Charaktere

Glaubhafte Charaktere entstehen durch Nähe und durch ein tiefes Verständnis des Schöpfers für seine Figuren. Wells hat diesen Roman geschrieben, als er altersmäßig noch recht nahe dran war an seinen Figuren, und das merkt man dem Buch an. Am Ende sehen wir, was für Erwachsene sie im Werden begriffen sind – geformt von den Erfahrungen, die wir mit ihnen geteilt haben. Auch hier zeigt sich die Meisterschaft des Autors im dritten Akt.

Thema-Leser-Beziehung

Das Thema des Buchs lässt viel Raum für die Lebenseinstellung des Lesers. Es zwingt sich nicht auf, schreibt keine Antwort fest vor. Wenn Du eine optimistische, jeder ist seines Glückes Schmied Lebenseinstellung hast, liest Du das Buch anders als wenn Dein Glas immer nur halb leer ist. Viel Stoff für Unterhaltungen rund um das Buch und die großen Fragen des Lebens …

Denkst Du, unser Schicksal entscheidet sich immer nur in dem, was wir in unserem Inneren finden? Denkst Du, das Leben ist eine Lotterie oder dass diejenigen, die das Glück stets im Außen Menschen suchen, immer den Glückspielregeln unterworfen bleiben? Bist Du eher fatalistisch im Sinne von das Leben beginnt als Glückspiel und Du kannst Deinen gefallenen Würfeln nicht entkommen? Oder würdest Du jedem zuschreien: nicht loslassen! Nie aufhören, die Würfel zu werfen, um Deinem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen!
Kennst Du Menschen, die immer etwas nachlaufen, was eigentlich schon fort ist?