Das Rätsel zählt: ‚Die Lügen der anderen’ rückt das Grauen nahe

Gerade habe ich einen Thriller/Krimi zu Ende gelesen, den ich auf den ersten fünfzig Seiten fast aus der Hand gelegt hätte. Wieso? Weil ich keine der zentralen Figuren gut leiden konnte. Interessanterweise habe ich auch lange mit keiner Figur Empathie empfunden. Trotzdem ist das Buch ein Bestseller geworden. Trotzdem hat es mich gefesselt. Grund genug, um zu schauen, wie und warum der Roman Die Lügen der anderen von Mark Billingham funktioniert.

Kurz gesagt: Die Lügen der anderen funktioniert über die Psychologie der Figuren und fesselt über das Rätsel „wer war’s?“ bei Umständen mit hohem Identifikationspotential. Mark Billingham beweist: Wenn das Rätsel stark genug ist, die einzelnen Figuren psychologisch komplex funktionieren und die Geschichte nahe genug an unsere eigene Welt rückt, wird Sympathie zur Nebensache.

Storyprinzip: Sympathie, Empathie, Identifikation

Beim Studium der einschlägigen Storytelling-Fachliteratur stolpert man schnell über ein wichtiges Prinzip der Charakter-Entwicklung: Empathie ist wichtiger als Sympathie. Soll heißen, wir müssen die Hauptfiguren nicht unbedingt mögen, aber sie müssen etwas aufweisen, was uns mit ihnen mitfühlen lässt. Ein verbindendes Element, das wir in uns selbst erkennen, ein Merkmal, das sie mit uns verbindet.

Billingham geht hier einen etwas anderen Weg: Zunächst gibt es keinen klassischen Protagonisten oder Helden, dessen Suche wir folgen und mit dem wir uns gerne identifizieren. Wir empfinden zwar Empathie mit dem Opfer und seiner Mutter, und vielleicht erkennen wir Aspekte von uns selbst oder aus unserem Umfeld in den sechs zentralen Figuren. (Ob uns das gefällt oder nicht. Sie wirken auf jeden Fall echt.)
Allerdings schafft Billingham einen genialen Identifikationspunkt für den Leser über die Ausgangslage und Umstände: Drei Pärchen lernen sich im Urlaub in Florida kennen und treffen sich zuhause wieder. Ein Thriller im alltäglichen Milieu, bei dem sich der Leser bange fragt: Das könnte uns auch passieren. Oder wissen wir denn jemals wirklich, wer unsere Bekannten sind? Was für dunkle Geheimnisse sie verbergen?
Der Autor macht es uns also leicht, uns selbst in der Geschichte zu sehen. Das Abgründige rückt nahe an uns heran. Die Geschichte schleicht sich an uns heran, wir kriechen in sie hinein. Wir empfinden wmöglich nicht allzu viel Empathie mit einer speziellen Figur, aber wir identifizieren uns mit der Situation, in der sich die Figuren befinden. Das macht das Buch außergewöhnlich.

Wunderbares Rätselraten: Wer war es und wie abgründig ist der Täter?

Billingham nimmt seinen Leser ernst. Er lässt uns zwischen den Zeilen lesen, er zeigt uns die Abgründe aller Gestalten ohne Rücksicht darauf, ob sie uns sympathisch sind oder nicht. Die Lektüre wird zu einem psychologischen Detektivspiel, das schaurigen Spaß macht, weil wir auch immer wieder in unseren Ahnungen befriedigt werden. Der Autor gibt uns für jeden möglichen Täter oder Täterin eine Spur. Erst denken wir, klar, Barry. Dann, vielleicht doch Dave? Ganz sicher ein Mann. Oder doch nicht? Könnte Eifersucht das Motiv sein?
Auf jeden Fall ist das Motiv abgründig und im Schlimmsten des Menschen zu finden. Die Negation der Negation nennt Story-Guru Robert McKee das: Lass den Wert, um den es am Ende geht, seine schlimmstmögliche Ausprägung annehmen. Billingham schafft auch das am Schluss.

Teamidentität & Teamzusammenhalt

„Wofür steht ‚Team’?“
— „Toll, ein anderer macht’s.“

Irgendwann in meiner Schulzeit kursierte dieser Witz und jeder erzählte ihn nach. Witze sind aufgebaut wie Geschichten in dem Sinne, dass etwas Unvorhergesehenes eintritt. In einer Story ist das der Wendepunkt, in einem Witz macht es die Pointe. Witze ähneln Geschichten noch in einem anderen Aspekt: Es muss genug Wahrheit in ihnen liegen, damit sie funktionieren. Allerdings müssen Witze die Wahrheit nur streifen.

In „Toll, ein anderer macht’s“ liegt genug Wahrheit, damit er uns triggert. Ja, es gibt solche Teams, und die meisten von uns haben es erlebt, wenn einer in der Gruppe nur an sich dachte und entsprechend handelte. Aber wir haben auch bessere Erfahrungen gemacht, sei es im Sportteam, in der Familie oder in unserem Job. Im Grunde wissen wir: Wenn wir zusammenhalten, sind wir am stärksten. Außerdem macht es mehr Spaß, mit anderen zu schaffen als allein.

Merkmale erfolgreicher Teams

Erfolgreiche Teams in Unternehmen und Projekten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Zusammenarbeit und Teilnahme aus. Vertrauen, Identifikation mit dem Team, Freude und Zuversicht führen zu mehr Kooperation, Loyalität und Engagement. Die Teamidentität wird stark empfunden. Emotionale Gruppenkompetenz wird groß geschrieben.

Erfolgreiche Teams: Gruppen achtsamer Individuen mit hoher Identifikation

Grundlage dieser emotionalen Intelligenz ist Achtsamkeit gegenüber Gefühlen – der eigenen, wie auch das Bewusstsein für und der achtsame Umgang mit den Emotionen anderer Teammitglieder. Das bedeutet nicht, dass Frust, Ärger, Grenzüberschreitungen nicht aufkommen, aber dass die Gruppe Mechanismen einer effektiven Kommunikation an der Hand hat, um Missklänge anzusprechen, ihnen auf den Grund zu gehen und Lösungen zu finden.

Die Teammitglieder kennen außerdem ihre individuellen Fähigkeiten und Persönlichkeiten. Sie sind sich der Individualität der anderen bewusst und wissen gleichzeitig, was sie verbindet. Wichtig dabei ist: Dieses Verbindende hält sie auf emotionaler Ebene zusammen, nicht nur auf kognitiver. Je stärker die verbindenden Elemente, desto eher hält der Zusammenhalt Stress und Krisen stand.

Solche Gruppen setzen Teamidentität und Teamzusammenhalt in den Mittelpunkt und damit Verbindendes vor Trennendes. Vertrauen und Kooperation führen zu kreativen und effektiveren Wegen der Zusammenarbeit und lassen Information freier fließen.

Wege zu mehr Teamidentität

Wie können Sie es nun unterstützen, dass sich Teammitglieder miteinander und dem Team identifizieren?

  1. Zuerst steht das Kennenlernen der Mitglieder und das Ausmachen gemeinsamer Werte und Ziele. Gehen Sie dabei den Weg über erfahrene Geschichten. Gerade Werte müssen gelebt und durch Taten definiert sein, nicht ausgedacht oder gewünscht. Nur dann bestehen sie den Test der Zeit und des Miteinanders.
  2. Nutzen Sie Kommunikationsmethoden, die emotionale Intelligenz, Empathie und Perspektivenwechsel unterstützen und Negatives aufzulösen vermögen, anstatt es auszublenden.
  3. Das Team muss gemeinsame Erfahrungen machen. Setzen Sie aber hierzu nicht eine Weihnachtsfeier im Lokal an. Gehen Sie zum Teambuilding raus mit Ihren Leuten, entziehen Sie sie dem Alltag und geben Sie Ihnen Raum, sich aufeinander einzulassen. Lassen Sie sie etwas Neues erleben, etwas Besonderes, aufdass sie noch Jahre später sagen werden: „Weißt du noch als …?“
  4. Das Team soll seine Erfolge richtig feiern. Gemeinsam. Ein Happy End will zelebriert werden.

Branding & Werbung – Wie die Werbefilme großer Automarken funktionieren

Die beliebtesten Auto-Werbefilme nutzen Storytelling, um ihre Zielgruppe an die Marke zu binden. Diese Werbefilme  zeichnen sich durch ein gehöriges Maß an Respekt für ihr Publikum aus und machen ihren Kunden mit den Filmen ein Geschenk, anstatt sie zu bedrängen. So schaffen sie eine wahrhaftige Verbindung zu ihrer Zielgruppe. Werbefilme nutzen Storytelling auch, um rationale Kaufaspekte wie technische Merkmale emotional aufzuladen.

Im Folgenden vier Case Studies von Audi, VW und Volvo:

Brand Stories als Geschenk für Kunden

VWs berühmter Spot The Force funktioniert über Empathie. Man möchte auch sagen: Er ist mehr als ein Geschenk an das Publikum gedacht denn klassische Kaufaufforderung. Deshalb funktioniert er so gut (siehe dazu auch mein letzter Blog). Dazu gesellt sich ein zweiter Genie-Streich der Macher: das Spiel mit einer der beliebtesten Filmreihen aller Zeiten: Star Wars. Star Wars ist für viele Menschen Teil eines kulturellen Erbes und Teil ihrer persönlichen Geschichte. Oder wer erinnert sich nicht gerne an die Geschichten, Serien und Filme unserer Jugend?

Audis Werbefilm The Right Decision (Mit einem Klick auf diesen Link verlässt Du diese Webseite und gelangst zu YouTube. Bitte beachte hierzu meine Datenschutzerklärung) verzicht et zwar auf starke Empathie mit dem Protagonisten, nutzt jedoch ebenso Nostalgie und gemeinsame „Stammesgeschichten“, um Identität und Zugehörigkeit zu schaffen. Er richtet sich an eine bestimmte und darin enge Zielgruppe: Bildungsbürgertum, Ü-40 – Menschen, für die Mrs. Robinson und „Die Reifeprüfung“ so etwas wie geteilte „Stammeskultur“ darstellen.

Das Prinzip dahinter ist uralt: Wer dieselben Geschichten teilt, gehört zum selben Stamm. Auf den Spot The Right Decision gemünzt, bedeutet das: Wer wie ich bei Dustin Hoffman’s Satz „Du bist wie deine Mutter“ laut lachen muss, gehört zu mir.

Und auch hier gilt: Die Zielgruppe fühlt sich mit diesem Spot beschenkt.

Employer Branding in Werbefilmen

Audi’s Spot Daughter (zu finden über Youtube) verfolgt ebenfalls nicht das offenkundige Ziel, dem Zuschauer am Ende eine klare Kaufentscheidung nahezulegen. Allerdings positioniert sich Audi hier zu einem gesellschaftlichen Thema und betreibt effektives Employer Branding. Dazu nutzt der Spot einen zentralen Wert, mit dem wir uns alle identifizieren können: „Daughter“ erzählt uns eine Geschichte über Gerechtigkeit.

Werbung & Kaufentscheidung

Automarken kommen mit einem großen Vorteil: Sie müssen sich selbst nicht mehr erklären. Sie sind allgegenwertig, wir kennen ihre Vor- und Nachteile, kennen sogar bei den meisten Modellen die Autos selbst. Außerdem sind Autos emotional verknüpfte Marken, viele Käufer entscheiden sich nicht aus praktischen oder technischen Gründen für ein bestimmtes Auto. Für andere Käufer machen praktische Gründe jedoch den Unterschied. Dabei lassen sich auch technische Features emotional aufladen, wie der neueste Volvo Spot zeigt.

Im Gegensatz zu den obigen drei Brand Stories gibt uns Volvo mit dem Spot Moments (mit einem Klick auf diesen Link verlässt Du diese Webseite und gelangst zu YouTube.  Bitte beachte hierzu meine Datenschutzerklärung) tatsächlich eine praktische Hilfe zur Kaufentscheidung an die Hand, denn es wirbt über ein technisches Merkmal: Sicherheitstechnologie. In diesem Spot entscheidet ein Wendepunkt – genauer gesagt dank Volvos Sicherheitsassistenzsystems das Ausbleiben des ansonsten tödlichen Wendepunkts – über den zentralen Wert.

Das Business-Storyprinzip hinter der Struktur dieser Werbefilme baut darauf, wie unserer Gehirn funktioniert: In einer guten Geschichte kommt mit dem emotionalen Wendepunkt (der Überraschung) ein Moment, in dem sich der Geist öffnet und damit bereit wird, die Werbebotschaft wie eine Saat aufzunehmen und zu erinnern: hier in Form des Volvos und dem Versprechen seiner Sicherheitsassistenz. Einen solchen Moment zu schaffen, ist Kunst.