A War – über unlösbare Dilemmata

Zur Funktion von Themen in Stories

Das Thema eines Films ist die Kernaussage, die „Moral von der Geschichte“, die ein bestimmtes Weltbild erörtert, indem sie diese Leitidee diskutiert. Manche Geschichten beantworten die aufgeworfenen Fragen negativ, andere positiv. Hier ein paar Beispiele zur Illustration:

In Jurassic Park steht die Handlung vor einer stets präsenten Grundfrage, auf die der Film eine klare Antwort gibt: Wenn der Mensch glaubt, er könne die Natur beherrschen, wird die Natur ihn lehren, dass er sich irrt.

Bei Pixars Film Oben hält das Thema nicht nur Anfang und Ende zusammen, es beinhaltet auch die Erkenntnis des Helden, welche den Wendepunkt zum dritten Akt einläutet: nämlich dass Liebe das größte Abenteuer ist.

Bei Chinatown finden die Zuschauer zusammen mit dem Protagonisten zu einer bitteren Einsicht: Die Reichen kommen immer davon.

Es gibt daneben auch Geschichten, die zielen nicht darauf ab, eine Antwort auf eine Frage zu liefern, sondern die Frage möglichst eindringlich zu stellen. Das lässt den Zuschauer nicht unbedingt befriedigt zurück, dafür bewegt, erschüttert und zum Nachdenken angeregt. Ihr Echo hallt nach – vom Herz in den Kopf. Glaubensfrage ist so ein Film (mehr dazu hier), Fast genial so ein Roman (mehr dazu hier). Dasselbe erreicht der dänische, oscarnominierte Film A War (Originaltitel: Krigen).

Bei A War bilden Thema und Hauptkonflikt an vorderster Front eine Einheit. Thema und Handlung sind eins. Gleichzeitig verweigert der Film eine Antwort auf seine große moralische Frage, zu der es keine einfache Antwort gibt.

Echte Krisen sind Dilemmata

Wahre Krisen und Konflikte formen große Geschichten. Eine echte Krise ist eine Dilemma-Entscheidung zwischen zwei nicht vereinbaren Gütern oder die Wahl zwischen zwei Übeln. A War führt dieses Prinzip eindrucksvoll vor.

A War konfrontiert uns mit den unlösbaren Dilemmata von Kriegen. In A War stellt ein Kompanie-Chef und Vater dreier Kinder die Rettung seiner Kameraden über den Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung. Der Film beginnt als Kriegsdrama in der afghanischen Provinz und setzt in der zweiten Hälfte sein Thema über Verantwortung, Schuld und Entscheidungsgewalt vor einem Gericht in Dänemark fort. Hier muss sich der Protagonist – um die Rolle des klassischen Helden gebracht – für seine Entscheidung verantworten. Man mag sich an Ferdinand von Schirachs Theaterstück Terror erinnert fühlen.

Plot
Ein Minenleger umgibt sich mit Kindern, um sich selbst beim Hantieren mit einer Mine zu schützen. Später muss Pederson, der Protagonist, als Befehlshaber bei einem Angriff im Kugelhagel eine folgenschwere Entscheidung treffen. Er befiehlt eine Luftattacke auf ein Dorf. Seine Kameraden feiern ihn, rettet er damit einem verwundeten Kameraden das Leben. Doch die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage, weil es zivile Opfer gibt. Pederson wird nach Dänemark zurück befohlen.

Vier Jahre Haft drohen – mit drei Kindern und einer Frau, die Pederson drängt, seine Familie nicht allein zu lassen, weil sie ihn brauchen. Das hilft ihm natürlich nicht dabei, sich für die Wahrheit zu entscheiden. Ohne es anzusprechen, macht der Film klar, dass die politische Diskussion ausbleiben muss, denn so kann die militärische und politische Führung ein Individuum als Schuldigen ausweisen anstatt einem unmenschlichen Dilemma ins Auge sehen zu müssen, welches Kriege immer mit sich bringen werden und jeden Krieg unmenschlich macht. Was ist, wenn Soldaten zu brutalen Entscheidungen gezwungen werden? Wie hätte Pederson in diesen schrecklichen Sekunden entscheiden und handeln sollen? Und was machen wir aus seiner Lüge?

Wahre Dramen brauchen keine Theatralik

Die dänischen Filmemacher haben sich für eine brutal realistische Geschichte entschieden, das gilt auch für Machart und Stilmittel. Manchmal möchte man meinen, man sei in einem Dokufilm gelandet. Ein paar Mal fragte ich mich, wieso sehe ich diese Szene, diese Einstellung jetzt, und es beschlich mich das Gefühl, die Story hätte vielleicht noch ein wenig straffer erzählt werden können, aber das Dokumentarische unterstützt natürlich den Eindruck, etwas durch und durch Wahres zu sehen, selbst wenn  uns die Wahrheit nicht schmecken mag.

Ebenfalls beeindruckend  ist der Gegensatz  zu Gerichtsverhandlungen aus amerikanischen Justizdramen. Dieser Film ist nüchterner, leiser, untheatralischer – europäischer und das ist gut so. Der dramatischen Frage tut dies keinen Abbruch. Die Amerikaner haben diesen Film ja auch  mit gutem Grund für einen Oscar nominiert.