Weihnachtliche Dilemma-Entscheidungen

Wendepunkte sind Entscheidungsmomente

An den großen Wendepunkten einer Geschichte fällt stets eine Entscheidung. Aus einem Konflikt folgt eine Krisenentscheidung. Ein klassisches Dilemma kennt dabei zwei Ausprägungen:

– entweder müssen wir uns zwischen zwei mehr oder weniger gleichwertigen Gütern entscheiden, oder
– wir müssen uns für das geringere von zwei Übeln entscheiden.

Umso größer das Dilemma, umso größer der Entscheidungsmoment, der den weiteren Weg bestimmt.

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Unser Elefant in diesem Video von Elefant Studios steckt am entscheidenden Punkt der Story in einem Dilemma: Er kann seine Gäste, seine Famile, anrotzen, die Kerzen ausniesen oder  …
Eine Krise, die nicht unbedingt für einen Roman taugen würde, aber auf jedenfall für …

FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!!

Wie war der Urlaub? – Storytelling für den Alltag

Sie sind den ersten Tag zurück im Büro und die Standardfrage der Kollegen lautet: „Und, wie war der Urlaub?“

Nehmen wir an, Sie waren am Gardasee zum Mountainbiken mit Freunden. Also beginnen Sie zu berichten, welche Strecken Sie heruntergeheizt sind, wie die Gipfel hießen, wie viele Kilometer und Höhenmeter abgestrampelt wurden, wie toll die neue Pulsuhr funktioniert. Irgendwann, trotz Ihrer Euphorie, können Sie jedoch den zunehmend glasigen Blick Ihrer Kollegin nicht mehr ausblenden.

Was ist da schief gegangen?

Sie haben zwei Grundprinzipien erfolgreicher Kommunikation ignoriert:

a) Wer ist mein Zuhörer?
b) Kann sich meine Zuhörerin mit der Erzählung identifizieren? Fühlt sie sich unterhalten?

Ihre Kollegin war noch nie am Gardasee zum Mountainbiken. Die Namen der Berge sagen ihr nichts, und nach anfänglicher Empathie bezüglich tapfer erkämpfter Gipfel bei Hitze, Graupel oder kaltem Nordföhn kann Ihre Schilderung sie nicht mehr fesseln. Ihr fehlen der emotionale Bezug und Unterhaltung. Wird sie Ihren Bericht weitererzählen? – Mit Sicherheit nicht.

Kommunikation besteht immer aus zwei Teilnehmern: Einem Sender (Erzähler) und einem Empfänger (Zuhörer).
Nach wem sollten Sie den Inhalt Ihres Produkts (d.h. Ihre Schilderung/Geschichte) wohl ausrichten?

Fragen Sie sich:

  1. Für wen erzähle ich?
  2. Welcher Aspekt ist für den anderen interessant? (Im Zweifelsfall einfach fragen: Waren Sie schonmal am Gardasee? Sind Sie Mountainbiker? Dann fühlt sich der andere auch gleich gesehen und aus einem Monolog wird ein Dialog)
  3. Kann ich aus meinem Urlaub eine Geschichte erzählen? Mit einer echten Story erreichen Sie potentiell eine breitere Zielgruppe als beim Herunterrasseln von Zahlen und Fakten über Mountainbike-Strecken.
Was kennzeichnet eine Geschichte?

Das elementare Grundprinzip einer Geschichte ist ein Wendepunkt. Das große ABER und was daraus folgt.

Meine Lieblingsgeschichte aus meinem letzten Gardasee-Urlaub beginnt wie folgt:

Wir sitzen in einer Bar in Riva auf der Terasse und schlürfen unsere Cappuccinos. Es bläst ein böiger Nordwind. Auf dem See sieht man immer wieder in Schieflage geratene oder gekenterte Segelboote. Vom Ort her nähert sich plötzlich Tatü-taa-taahh. Ein roter SUV kurvt auf den Parkplatz und stoppt keine dreißig Meter entfernt. Der Beifahrer springt heraus und rennt zum Tor, das den Zutritt zum Hafen versperrt und damit zum Rettungsboot der Wasserwacht. Er macht sich am Tor zu schaffen, rüttelt daran. Aber das Tor bleibt geschlossen. Er fängt an, seine Taschen abzuklopfen. Hose, Jacke … nichts. Sein Kollege gesellt sich hinzu, kramt einen Schlüssel heraus. Die Kette rasselt, nichts passiert. Fasziniert kommentieren die Bar-Besucher das große Fragezeichen über den Köpfen der beiden Retter. Die beiden Männer rütteln  ein wenig hektischer am Schloss , mehr Taschen werden abgeklopft. Wo ist der verdammte Schlüssel? Derweil, irgendwo auf dem See, klammert sich gerade ein armer Tropf verzweifelt an sein gekentertes Boot …

Stellen Sie sich dagegen folgenden Erzählverlauf (verkürzt) vor:
Wir saßen in der Bar, dann kam ein Rettungswagen, die Männer öffneten das Schloss zum Hafen, bemannten ihr Boot und zogen aus, um den Segler aus dem Wasser zu ziehen.
Langweiliger? Ja, aber nicht weil diesen knappen Sätzen Bilder fehlen. Sondern weil ihnen ein ABER fehlt. Alle Sätze, alle Ereignisse lassen sich mit UND verbinden. Keiner erzwingt ein ABER oder ein DESHALB.

Eine Geschichte braucht einen Wendepunkt.

Geschichten sind aufgebaut wie Witze: etwas Unvorhergesehenes, Ungeplantes passiert, das Universum knallt uns etwas entgegen, was eine Änderung bewirkt.

Fragen Sie sich:
Was ist in meinem Urlaub an Unvorhergesehenem passiert? Ihnen selbst oder jemand anderen, denn wir müssen nicht immer Geschichten über uns selbst erzählen. Genausowenig müssen Sie den K2 besteigen, um Geschichten zu sammeln. Ständig passiert etwas, was nicht geplant war. Nicht immer ist es etwas Weltbewegendes, manchmal sind es kleine Pannen. Aber wer kann sich nicht mit dem Ärger eines platten Reifens bei daheim vergessenen Reparaturkit identifizieren?

Und da eine Geschichte von Details lebt, können Sie beim platten Reifen auch nebenbei den Namen des schrecklich steilen Gipfels einfließen lassen – sowie die bis dahin zurückgelegten Höhenmeter und Ihren Puls. Natürlich nur, um das Drama zu stärken.

Fast genial – Ein Roadtrip

Fast genial von Benedict Wells

Viel Wahrheit, viel Hoffnung und Aussichtslosigkeit, viel Jugend, ein Ende zum Mitfiebern

Ein junger Mann, das Ergebnis eines genetischen Experiments elitärer Wissenschaftler. Francis hat seinen leiblichen Vater nie getroffen. Er war ein Experiment der Samenbank der Genies – wo Frauen sich mit dem Sperma hochintelligenter Spender befruchten ließen. Nur dass Francis in einem Trailerpark lebt – amerikanische Unterschicht. Mit einer depressiven, geschiedenen Mutter und Aussichten, die mit jedem Tag düsterer werden. Die Würfel seines Lebens, längst gefallen. Bis er sich entschließt, seinem sich abzeichnendem Schicksal die Stirn zu bieten.

Das Buch ist ein Roadtrip in die Seele des amerikanischen Traums und amerikanische Realität. Ein in glitzernde Las Vegas Hoffnung gehülltes Gesellschafts- und Jugenddrama mit Kindern, denen das Recht auf Eltern abgesprochen wurde, Freundschaft und erster Liebe, die wie alles andere mit Hoffnung auf Rettung im Außen operiert, materialistisch, ja, aber wie höhnisch wäre es, das vorzuwerfen, denn das Leben ist eh nichts anderes als der Wurf einer Münze.

Das Buch ist nicht reich an kreativer Originalität, es schockt nicht einmal mit Bildern, Momenten, Charakteren, die der deutsche Mittelstandsbürger sich nie hat vorstellen können. Doch es schafft einen entlarvenden Wendepunkt am Ende des zweiten Akts und bleibt in sich konsistent und stets im Thema, welches viel Raum für die Lebenseinstellung des Lesers lässt. Vor allem schafft Wells meisterhaft Empathie und Sympathie für seine Hauptfigur. Diese führt er zwar erst zum Ende hin zu einem Crescendo, wenn die Hoffnung schon längst verraten ist, doch beweist er in dieser entscheidenden Sequenz sein Können als Autor, der die Grenze zwischen Leser und Helden aufzulösen vermag. So liest sich der Schluss mit angehaltenem Atem, Francis will…. der Leser will… dass dieser Junge siegt. Das Ende ist für manche vielleicht unbefriedigend, aber zwingend; die Antwort subtil eingeführt, sie zerschmettert nicht, aber hallt dafür umso länger nach.

Fazit: Im Mittelteil mangelt es Fast genial gelegentlich an Originalität in Handlung und Charakteren, aber auf den letzten Seiten ist das Buch nicht aus der Hand zu legen. Bedeutungsvoll, wahr, menschlich, authentisch. Fast genial.

Wie entfaltet die Story ihre Wirkung?

Struktur & Wendepunkte

Das Buch ist recht klassisch strukturiert, mit drei Akten:

Erster Akt: Bis zum Selbstmordversuch der Mutter und ihrem Brief. Dieser Wendepunkt am Ende des ersten Akts schickt den Protagonisten auf seine Suche.

Zweiter Akt: Der „Roadtrip“. Francis sucht, er kämpft für seine Zukunft. Der Wendepunkt am Ende des zweiten Akts enthüllt dem Protagonisten das für ihn Wesentliche über die Welt.

Im dritten Akt (mit dem vielsagenden Titel: Amerika) hat Francis das Glück als das einzig wahre Schicksal akzeptiert. Er holt zu seinem finalen Ausbruchversuch aus …

Charaktere

Glaubhafte Charaktere entstehen durch Nähe und durch ein tiefes Verständnis des Schöpfers für seine Figuren. Wells hat diesen Roman geschrieben, als er altersmäßig noch recht nahe dran war an seinen Figuren, und das merkt man dem Buch an. Am Ende sehen wir, was für Erwachsene sie im Werden begriffen sind – geformt von den Erfahrungen, die wir mit ihnen geteilt haben. Auch hier zeigt sich die Meisterschaft des Autors im dritten Akt.

Thema-Leser-Beziehung

Das Thema des Buchs lässt viel Raum für die Lebenseinstellung des Lesers. Es zwingt sich nicht auf, schreibt keine Antwort fest vor. Wenn Du eine optimistische, jeder ist seines Glückes Schmied Lebenseinstellung hast, liest Du das Buch anders als wenn Dein Glas immer nur halb leer ist. Viel Stoff für Unterhaltungen rund um das Buch und die großen Fragen des Lebens …

Denkst Du, unser Schicksal entscheidet sich immer nur in dem, was wir in unserem Inneren finden? Denkst Du, das Leben ist eine Lotterie oder dass diejenigen, die das Glück stets im Außen Menschen suchen, immer den Glückspielregeln unterworfen bleiben? Bist Du eher fatalistisch im Sinne von das Leben beginnt als Glückspiel und Du kannst Deinen gefallenen Würfeln nicht entkommen? Oder würdest Du jedem zuschreien: nicht loslassen! Nie aufhören, die Würfel zu werfen, um Deinem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen!
Kennst Du Menschen, die immer etwas nachlaufen, was eigentlich schon fort ist?