Perchta, Holle & Co

Am Freitag bin ich auf der Frankfurter Buchmesse bei Tolino media zu einem Meet & Greet rund um das Thema Rauhnächte eingeladen. Zeit, einen näheren Blick auf eine der Hauptfiguren in meinem Roman »Das Erbe der Rauhnacht« zu werfen: Perchta.

Perchta (oder auch: Frau Percht) wird bereits in mittelalterlichen Quellen erwähnt, aber wahrscheinlich geht sie auf eine viel ältere Göttin bzw. Sagengestalt zurück. Das Attribut der Spinnerin stellt sie in die Nähe germanischer Schicksalsgöttinnen und der germanischen Göttin Frigg/Freya.

Herrin der Rauhnächte und Anführerin der Wilden Jagd

Perchta ist die Herrin der Rauhnächte, Wintergöttin und Anführerin der Wilden Jagd. Sie ist eine Art Totengöttin, aber auch der Fruchtbarkeit, denn sie soll Getreide wachsen lassen. Sie beschützt auch Haus und Hof.
Perchta tritt vor allem in den Rauhnächten am Jahresende auf, wenn die Grenzen zwischen den Welten dünn werden.

Festtagsgebote von Frau Percht

Im Roman ist Perchta zunächst sehr streng, was die Einhaltung der Rauhnachtsregeln und der Rauhnachtsbrauchtümer anbelangt. Sie bestraft Faulheit und Verstöße gegen die während der Rauhnächte geltenden Festtagsgebote. In den Sagen kann Perchtas Atem dabei töten oder blenden.

Perchtas Regeln verbieten das Wäschemachen während der Zwölften (Rauhnächte). Stuben müssen geräuchert, Festspeiseregeln eingehalten werden. Frauen dürfen nicht spinnen, sondern sollen ruhen. Die Räder sollen stillstehen. Wer Wäsche draußen aufhängt, dem fährt die Percht mit der Wilden Jagd durch sie hindurch und zerfetzt sie.

Aber sie belohnt auch Fleiß und Hilfsbereitschaft mit Münzen oder goldenen Spulen und hütet die Seelen der zu früh verstorbenen Kinder.

Überlieferte Merkmale der Göttin Perchta

Im Roman habe ich mehrere Attribute, die Perchta in den Überlieferungen zugeschrieben werden, aufgegriffen:
In ihrer Darstellung als alte Frau humpelt Perchta oft auf einem verkrüppelten Fuß herbei. Sie wird beschrieben als eine Frau mit einer langen Nase oder einem Vogelschnabel, daher stammt die Assoziation mit Rabe und Uhu. Beil und eiserne Kette gehören ebenfalls zu ihrer Erscheinung. Ebenso ist das Spinnrad ein weiteres ihrer Attribute. Frau Perchts Strauch ist der Holunder.
Perchta soll sehr hoch springen können. Also wenn ihr in Gedenken an altes Brauchtum zu Beginn des Neuen Jahres über das Feuer springt und eine Gestalt gesellt sich hinzu, die am höchsten springt, dann ist das Frau Percht.

Ausgedacht jedoch habe ich mir Perchtas Birkenhaar und die magischen Elemente wie, zum Beispiel, dass um sie herum der Winter immer etwas klarer, kälter, kristalliner scheint und dass Schnee nicht auf ihrem Haar schmilzt. Ihr Zauber erstreckt sich auf die Menschen in ihrer Umgebung: Die Wilden Jäger Krampus, Prügel, Kinderfresser und Rupp empfinden die Kälte in ihrer Nähe nicht so stark und können im Dunkeln besser sehen.

Ob Frau Holle, Gode, Herke, Stampe oder Perchta …

Wir alle kennen das Märchen von Goldmarie und wissen: Wenn Frau Holle die Betten schüttelt, beginnt es auf der Erde zu schneien. Die eher mitteldeutsche Figur von Frau Holle hat jedoch in anderen Regionen unterschiedliche Ausprägungen und Namen bekommen. So findet sich in Bayern, im Alpenraum und Tschechien die Frau Percht (oder Spercht) an ihrer Stelle. Auch  Stampe und Bertha kommen vor. In Mecklenburg findet sich die Frau Gode, in der Gegend von Halle die Frau Herke. Italien kennt eine Befana.

Die römische Mythologie kennt die Göttin Diana. Die legte sich einer christlichen Legende nach mit dem Heiligen Nikolas von Myra an – was ich im Roman beim ersten Aufeinandertreffen von Nikolo und Perchta aufgreife. Diana galt übrigens im Mittelalter auch als Göttin der Hexen. Sie wurde auch ‚Unholde’ genannt.

Genres – Wie kategorisieren wir Geschichten?

Was beschreiben eigentlich Genres?

Genres klassifizieren verschiedene, uneinheitliche Aspekte einer Geschichte wie

  • Setting (z.B. Western, historisch)
  • emotionale Tonalität (Komödie, Drama)
  • Inhaltliches (z.B. Detektivgeschichte, Liebesgeschichte)
  • Realititätsgehalt (z.B. Fantasy)

Dazu kommen weitere Genres, die sich auf die innere Reise bzw. Transformation der Hauptperson beziehen. Dazu zählen u.a. Coming-of-Age-Geschichten, die uns von der Reifung eines Charakters erzählen oder Prüfungsplots, die auf den Willen eines Menschen zielen (wie z.B. Der Alte Mann und das Meer oder The Revenant).

Supra-Genres und Sub-genres

Ein Roman oder Film, der im Supra-Genre Fantasy unterwegs ist, kann inhaltlich Romance zugeordnet werden, es kann sich um einen Krimi handeln oder um eine Coming-of-Age-Geschichte. Oft sprechen wir dann von Sub-Genres, die zwei verschiedene Arten der Kategorisierung oder Genres mixen (z.B. Fantasy Romance – eine Liebesgeschichte im phantastischen Setting).

Überlegt gerne mal, was eure Lieblingsgeschichten an verschiedenen Genre-Aspekten beinhalten. Und wenn ihr z.B. inhaltlich Love/Romance bevorzugt, mögt ihr sie in allen Settings oder fallen manche Genres (z.B. Fantasy Romance, Historical Romance) für euch weg, obwohl inhaltlich dieselben Geschichten erzählt werden?

Im Folgenden ein Beispiel von Genres anhand meines aktuellen Romans:

»Das Erbe der Rauhnacht»: historische Fantasy, Mythen & Legenden

»Das Erbe der Rauhnacht» ist zunächst einmal dem Supra-Genre Fantasy einzuordnen. Da der Fantasy-Aspekt den historischen Aspekt überwiegt, würde es ein Buchhändler ins Fantasy-Regal stellen. Natürlich habe ich den historischen Hintergrund dieser Zeit und vor allem die Lebensrealität der damaligen Bauern recherchiert, aber ich würde dieses Buch selbst auch nicht als Roman über die Reformationszeit verkaufen. Es ist ein vor allem ein Buch über einen Weihnachtsmythos, das Brauchtum der Rauhnächte und alte europäische Sagenfiguren. Mythen und Legenden findet sich im Buchhandel übrigens oft als eigene Kategorie.

Liebesgeschichte, Coming-of-Age, Weihnachtsgeschichte

Aber was für eine Handlung erzählt »Das Erbe der Rauhnacht«? Welche weiteren Genres bedient der Roman?

Der Roman erzählt zu einen eine Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Personen, die zusammen stärker wären als allein – sofern sie denn zueinander finden können.
Gleichzeitig führt uns der Roman einen Weg des Erwachsenwerdens entlang, also einen Coming-of-Age oder Reifungsplot. Wir folgen in »Das Erbe der Rauhnacht« der Entwicklung eines jungen Knechts, wie er seinen Wert und Selbstwert entdeckt und während seiner Abenteuer reift: eine Heldenreise im klassischen Sinne.
Die Rahmenhandlung erzählt wiederum einen Erlösungsplot und dabei eine ganz eigene, zauberhafte Weihnachtsgeschichte.

Wenn ihr mich vor ein paar Jahren gefragt hättet, ob ich mal eine Erlösungsgeschichte schreibe, hätte ich euch angeschaut wie ein Auto. Aber manchmal entwickelt eine Story-Idee ihre eigene Dynamik …

Wieso Knecht Ruprecht und die Wilde Jagd?

Knecht Ruprecht – irgendwie ploppte dieser Gedanke schon vor Jahren in meinem Kopf auf. Ich verwarf ihn sofort. Wieso? Aus einem bescheuerten Grund: Weil ich den Namen nicht sexy fand.

Doch sobald ich an Ideen für einen nächsten Roman herumnagte, tauchte dieser Gedanke wieder auf – hartnäckig und unbeeindruckt davon, wie oft ich ihn verwarf.

Ein düsterer Wanderer – eine Romanidee setzt sich fest

Manche Geschichten wollen offenbar erzählt werden. Solche Ideen verschwinden nicht einfach. Gute Ideen kommen wieder. Ob sie aus unserem Unbewussten emporsteigen oder etwas Höheres durch uns spricht – Story-Guru Steven Pressfield würde es die Muse nennen –, darf jeder für sich selbst entscheiden. Irgendwann jedenfalls, als Knecht Ruprecht und das Bild des düsteren Wanderers sich wieder aufdrängte, entschied ich, mir diese Figur näher anzuschauen.

Die Entstehung von »Das Erbe der Rauhnacht«

Storyentwicklung baut auf Fragen auf. Die folgenden waren die ersten:
Was wäre, wenn Nikolaus der Böse wäre?
Was wäre, wenn ein Knecht mehr sein will als nur ein Knecht?
Und muss Knechtschaft immer negativ sein?

So schenkte mir der  Name meiner Hauptfigur auch sofort das Thema, um das es gehen sollte: Knechtschaft. Oder anders ausgedrückt: Wenn Liebe dient …

Ich las mehr über Knecht Ruprecht, Krampus, Kinderfresser und wie diese Figuren alle heißen, über Perchta, Frau Holle, die Rauhnächte und die Wilde Jagd. Ich begann zu recherchieren, wann die Figur des Knecht Ruprechts zum ersten Mal erwähnt wird. Ich stolperte über eine Erwähnung in Nürnberg im 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Was für ein spannender, großer historischer Hintergrund!

Der Roman sollte dabei jedoch mehr auf der Seite uralter Legenden und Mythen einzuordnen sein als klassischer historischer Roman. Eine zeitlose Weihnachtsgeschichte für die Adventszeit, die man an dunklen Abenden, wenn es draußen stürmt, mit einer Tasse heißer Schokolade auf der Couch verschlingt. Ein bisschen magisch, ein bisschen märchenhaft. Am Ende wurde gar eine Erlösungsgeschichte daraus – passend zum Heiligabend, an dem das »Das Erbe der Rauhnacht» seinen zweiten Showdown erleben. Ein Buch für alle, die sich auf den Advent, Weihnachten und die Rauhnächte einstimmen wollen.

Ab Oktober überall erhältlich!