Druidinnen? Wie der Roman zu seinem Titel kam

»Die Druidin« lautet der Titel meines Romans. Viele fragen sich dabei – gab es überhaupt weibliche Druiden bei den Kelten? Und auch am Ende mag sich der Leser fragen: Sind Talia und Sumelis echte Druidinnen?

Doch zunächst einmal zur Forschungslage:

Druidinnen in antiker Überliefung

Aus dem 1. und 2. Jahrhundert vor Christus gibt es kaum schriftliche Überlieferungen und keine erwähnt Druidinnen. Cäsar und andere antike Autoren schreiben nur von Männern. Aus jüngerer, nachchristlicher Zeit werden in einigen britischen Sagen Druidinnen erwähnt, doch es bleibt fraglich, ob man dies auf Mitteleuropa um 100 vor Christus übertragen kann. 

Seherinnen, Zauberinnen, weise Frauen

Ich gehe davon aus, dass nur Männern die Ausbildung zum Druiden erlaubt wurde, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch Frauen gab, denen magische Fähigkeiten zugestanden wurden: Seherinnen, Zauberinnen, Heilerinnen, weise Frauen, die jedoch nicht eine so strenge, lange und umfassende Ausbildung durchliefen wie Druiden. Diese Frauen stellten keine Gefahr für den Machtanspruch der Druiden dar (denn darum geht es ja letztlich), sondern besetzten Nischen, in denen sie dennoch viel Einfluss ausübten. 

Talia – eine Druidin?

Talia trägt in den Romanen keinen offiziellen Druiden-Status – und sie kämpft auch nicht darum. Aber sie ist diejenige mit der wahren Macht, denn sie kann die Seelen der Menschen sehen. In ihrer Figur überschreite ich damit die Grenze vom historischen Genre zu Fantasy. Doch die Grundlage dieser Kraft – Seelenmagie und vor allem die Seelenwanderung – ist uns aus der keltischen Kultur überliefert.

Romantitel – Verlagssache

Als ich die Romanvorlage 2006  an einen Verlag (damals Knaur) verkaufte, sagten sie sofort, der Roman müsse »Die Druidin» heißen. (Das war damals die Zeit von »Die Päpstin« und allen anderen „in-Titeln“, die darauf folgten. Romantitel sind Marketinginstrumente, daher Verlagssache.)
Ich fand den Titel jedoch gar nicht schlecht, denn er zwingt zur Überlegung, ob es immer jene sind, die einen Titel wie „Druide“ tragen, die ihn am meisten verdienen …

Alte-Stadt und Manching: Wo »Die Druidin« spielt

Hauptschauplatz in »Die Druidin« ist Alte-Stadt, ein fiktiver Name für die gut erforschte Keltenstadt bei Manching in Bayern. Wesentliche Teile der Handlung des Romans beruhen auf der Geschichte dieses Oppidums mit seiner gewaltigen Stadtmauer, seinen Heiligtümern, mediterranen Importgütern, Waffen und rätselhaften Bestattungen.

Keltischer Adel in Manching

Alte-Stadt/Manching war der Mittelpunkt des Stammes der Vindeliker und Zentrum des Handels entlang der Donau. (Die Donau hatte damals einen leicht anderen Verlauf als heute). Manchings Herrscherschicht stellte die mächtigsten Männer und Frauen der vindelikischen Welt. Dieser reiche Adel frönte allem, was der Handel mit dem mediterranen Raum an Köstlichkeiten, Kostbarkeiten und neuen Ideen bot. 

Aus den Ausgrabungen von Manching kennen wir ein Handwerkerviertel mit Bronze- und Eisenverarbeitung, Münzprägung und Töpferei. Selbst Recycling in Form von Altmetallverwertung wurde praktiziert. Vollständig bebaut war das Oppidum jedoch nicht. Große Areale innerhalb der Stadtmauer blieben landwirtschaftlich geprägt. 

Das Ende des Oppidums von Manching

»Die Druidin« spielt am Ende des zweiten Jahrhunderts vor Christus. Eine gigantische, sieben Kilometer lange Stadtmauer schützte Manching zu dieser Zeit. Die Reste dieses Walls sind noch heute im Gelände sichtbar. Später, um ca. 80 vor Christus brannte das Osttor und wurde nicht mehr repariert. Der Anfang vom Ende von Alte-Stadt?

Ob Angriff, Krankheiten, Stammeswanderungen, Zusammenbruch des Wirtschaftssystems, Sicherheitsprobleme, Verarmung – das Schicksal des keltischen Manchings bleibt ungewiss.  Die Geheimnisse seiner Einwohner, die keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, sind mit ihnen untergegangen. 

Wer mehr über Alte-Stadt erfahren mag, dem lege ich einen Besuch im Kelten Römer Museum Manching ans Herz. Dort kann man sich anhand von Rekonstruktionen und Originalfundstücken anschauen, was »Die Druidin« in Worten beschreibt.

Die Welt der „Druidin“: Die Kelten

Nächste Woche beginnt meine Leserunde auf Lovelybooks zu »Die Druidin« und später folgt noch eine zu »Die Tochter der Druidin«. Daher wollte ich Euch ein bisschen zum Hintergrund der damaligen Zeit erzählen. In »Die Tochter der Druidin» findet Ihr am Schluss ein Nachwort, wo Ihr Weiteres nachlesen könnt, außerdem gibt es am Ende der Romane Übersichten mit den wichtigsten Namen, Völkern und Orten. Im Folgenden jedoch ganz kompakt, was für mich die Faszination der Kelten, Kimbern und der damaligen Zeit ausmacht:

Die keltische Welt

Die keltische Welt, ein uneinheitlicher Komplex verschiedenster Stämme und Stammesverbände, erstreckte sich einst vom Atlantik bis Ungarn. Regiert wurden sie von Fürsten und Druiden – keltische Gelehrte, die Priester, Ärzte, Philosophen, Astronomen und Rechtsprecher zugleich waren. 

Die Druiden kannten die Geheimnisse der Natur, der Sterne und der Seele. Cäsar berichtet uns über ihre lange Ausbildung und die rein mündliche Überlieferung ihrer Geheimnisse. Die Druiden konnten Menschen von den Opfern ausschließen, was im Grunde einer Exkommunikation gleichkam. Damit verfügten die Druiden über eine enorme Machtfülle in einer Zeit, in der die Menschen noch keine Trennung zwischen Geistlichem und Weltlichem kannten. 

In „Die Druidin“ spiele ich mit diesen überlieferten Elementen. So schenkte mir zum Beispiel der aus antiken Schriftstücken belegte Glaube der Kelten an die Seelenwanderung die Idee für die Gabe meiner Hauptfigur Talia, Seelen sehen zu können. 

Druiden, Fürsten, mächtige Frauen 

Die Kelten waren damals auf dem Weg zur Hochkultur. Druiden wie Ientus und Fürsten wie Caran und Segurion herrschten über das Volk. Wir wissen von äußerst geschickten Ärzten und spezialisierten Handwerkern, von Kriegern mit Schwertern, Kettenpanzern und Sporen, denen einfache Gefolgsleuten mit Steinschleudern oder Pfeil und Bogen gegenüberstanden. Ebenfalls überlieft sind weit reisende Händler, Bauern und sogar Sklaven. 

Gemeinschaftsprojekte wie die gewaltige Stadtmauer des Hauptschauplatz des Romans, Alte-Stadt (das heutige Manching zwischen Ingolstadt und München), wären ohne Führung und Arbeitsteilung nicht machbar gewesen.  Ebenfalls ein in der Oberschicht angesiedeltes Privileg war die Münzprägung: Wer Geld prägt und Waren kontrolliert, hält Macht in den Händen. Wer Schulden macht, endet womöglich als Unfreier. 

Obwohl patriarchalisch geprägt, konnten einige Frauen in der keltischen Gesellschaft erheblichen politischen Einfluss erreichen. So haben Archäologen reich ausgestattete Gräber keltischer Frauen ausgegraben, die denen der Männer der Oberschicht kaum nachstehen. Es gab sie also: mächtige Frauen wie Carans Schwester und Widersacherin Roueca.

Kriege mit Nachbarn und germanische Invasion

Östlich der Vindeliker, die ihren Hauptsitz in Alte-Stadt/Manching hatten, schloss sich das Gebiet der Boier im heutigen Böhmen an. Beiden Stämmen ging es um die Macht über den Donauhandel und den Reichtum, den er versprach. Anzunehmen ist, dass es zum Austausch von Geiseln gekommen ist. Das greife ich im Roman mit der Figur von Dago auf. Dago ist ein boischer Fürstensohn, der seine Zeit in Carans Haushalt als Unterpfand für den Frieden zwischen Vindelikern und Boiern begann. Wohin das führte, könnt Ihr im Roman lesen.

Waffen- und Knochenfunde aus Manching (Alte-Stadt) und anderen befestigten Siedlungen deuten auf kriegerische Zeiten hin. Söldnertruppen waren zahlreich, und zu den innerkeltischen Kämpfen gesellte sich ab 120 v. Christus mit dem Ansturm germanischer Völker aus dem Norden zudem eine viel größere Gefahr: Die Züge der Kimbern und Teutonen stehen für den Beginn der Völkerwanderung und eine gewaltige germanische Migration, welche die keltische Welt und Europa erschütterte.
Kelten, Germanen, Römer und ein Sturm über Europa, wie eine ZDF-Reihe einst titelte — für mich lieferte das alles den perfekten Hintergrund für epische Geschichten.

Die Kelten verlieren sich im Dunkel der Geschichte 

Die Geschichte weiß, wie es mit den Germanen in den folgenden Jahrhunderten nach »Die Tochter der Druidin« weiterging: über die Kämpfe mit Cäsar, dem Germanenführer Ariovist und der Varus-Schlacht bis zur eigentlichen Völkerwanderungszeit existieren etliche schriftliche Quellen. Im Dunkeln liegt jedoch der Untergang der Kelten:

Im ersten Jahrhundert vor Christus verschwindet die keltische Kultur in Deutschland, die keltischen Oppida werden aufgegeben. Cäsar berichtet von den gallischen Kriegen westlich des Rheins, aber was östlich davon passiert ist, bleibt Forschungsdiskussion. Die Geheimnisse der Kelten, die keine eigene schriftliche Überlieferung kannten, gingen mit ihnen und ihrem rätselhaften Untergang verloren. Was bleibt, sind die archäologischen Quellen, Überlieferungen aus späteren Zeiten und anderen Orten, und – der Mythos.