Ein Sauron oder drei Sarumans: Qualität und Quantität von Antagonisten

Auf Lovelybooks habe ich kürzlich die ersten beiden Bände einer Fantasy-Reihe von Genevieve Cogman rezensiert: Die unsichtbare Bibliothek und Die maskierte Stadt.

Beide Romane leben von der Originalität und Komplexität ihrer Story-Welt und – bis auf zeitweile ausufernde Dialoge – einer temporeichen Schnitzeljagd. Fantasy mit Thrillerelementen – dieses Genre schreit nach einem besonders mächtigen und faszinierenden Widersacher: den größtmöglichen Antagonisten, der den Helden bis an den Abgrund und darüber hinaus zu schubsen vermag.

Im ersten Band Die unsichtbare Bibliothek liefert die Autorin uns mit Alberich noch einen solchen Widersacher.

Qualitäten von übermächtigen Widersachern

Ein faszinierender Antagonist ist das Rückgrat jeden Thrillers. Er braucht eine Backstory, die erklärt, wer er ist, wonach er strebt und warum er sich für den Helden seiner eigenen Story hält. Ein solcher Widersacher hat Eigenschaften, die dem Protagonisten selbst fehlen. In Thrillern und vielen High-Fantasy-Werken scheint dieser Antagonist übermächtig und kaum zu besiegen.

Grundsätzlich zeugt es von Schaffenskraft, wenn ein Autor ein Netz an Opposition mit mehr als einem Widersacher schafft, die möglichst alle eine andere Schwäche des Helden angreifen, unterschiedliche Werte haben und auch unter einander im Konflikt stehen. Eine solche Nebenfigur schafft Cogman mit dem Elfen Silver. Der Hauptfeind bleibt jedoch ganz klar Alberich.

Der Haupt-Antagonist: übermächtig, in der Hierarchie ganz oben

Alberich ist der ultimative Feind, Ursache des größten Leidens der Helden. Verschiedene Antagonisten laufen in dieser Geschichte nicht parallel, im Sinne von gleich stark, nebeneinander her, sondern die anderen stehen hinter Alberich zurück – in Macht wie Motivation. Denn Alberichs Suche ist ebenfalls sehr persönlich.

Schon bei der Unsichtbaren Bibliothek habe ich mich nach der Rolle einer der Widersacher-Gruppierungen, die den Hauptfiguren das Leben schwer machen, gefragt. Irene, unsere Hauptfigur, schlägt sich nämlich noch mit einer mysteriösen Bruderschaft herum. Diese Bruderschaft ist ebenfalls hinter dem Buch her, spielt dabei letztlich jedoch nur eine Handlangerrolle. Sie führt zu Action, und ihre Existenz macht den Roman komplizierter. Letzteres ist an sich aber kein gutes Kriterum, um eine Story zu stärken. In Die unsichtbare Bibliothek ging das immerhin nicht zu Lasten des Hauptfeinds Alberichs.

Zu viele mächtige Widersacher schwächen sich gegenseitig

In Die maskierte Stadt hat Cogman nun ebenfalls mehrere Antagonisten hineingeschrieben. Da ist der alte Bekannte Silver, der jetzt ein ungewollter Verbündeter ist, aber immer noch im Grunde ein Gegner und immerhin einer, vor dem Irene nicht wegrennen oder ihn mit Gewalt bekämpfen muss, sondern gegen den sie sich auf subtilere Art wehren darf – wunderbares Storytelling. Alberich wird nur erwähnt und spielt keine Rolle (was schade ist), dafür gibt es ein neues Haupt-Antagonisten-Pärchen: Lord und Lady Guantes. Dazu kommen dann noch die mysteriösen Zehn, die eigentlichen Herrscher Venedigs.

Letztere spielen im Grunde keine Rolle, außer Irenes Leben ein bisschen schwerer zu machen. Sie rennen ihr hinterher, sie kämpft mal mit ihnen, dann rennt sie vor ihnen davon. Welches vage Ziel die Zehn verfolgen – oder verfolgen könnten – erfahren wir nur aus Dialogen, die wenig zur eigentlichen Story beitragen. Die werden als überaus mächtig benannt, aber Irene trickst sie ständig aus. Dieser Antagonismus wird auch nie „aufgelöst“. Darüberhinaus tragen die Zehn wenig zur Haupthandlung bei. Nach dem Endkampf wird der Zug, in dem Irene und Kai entkommen, dann noch verfolgt – vom Reiter – noch so ein ganz Mächtiger, der nichts auszurichten vermag – und ja, wem eigentlich? Hauptsache irgendwer rennt noch immer jemanden nach.

Ich will damit nicht sagen, dass die Idee hinter den Zehn an sich nicht gut ist. Sie sind nur unnötig. Sie sind eine eigene Gruppierung mit eigenen Motiven, aber ohne eigenen echten Handlungsstrang. Das ist in etwa so, als würde im Herrn der Ringe  eine geheimnisvolle, allgegenwärtige, als überaus mächtig benannte Bruderschaft auftauchen, die unabhängig von Sauron agiert und mal ein bisschen jemanden jagt, um am Ende keine Rolle zu spielen.

Aber schauen wir uns die eigentlichen Haupt-Antagonisten an: Lord und Lady Guantes, ein Pärchen. Auch hier beweist Cogman wieder ihr Händchen für richtig gute Figurenideen. Der Lord ist ein mächtiger Elf, der sich leicht ablenken lässt, seine Frau – von schwächerer magischer Natur aber dafür mit anderen Gaben – ist die eigentlich treibende Kraft hinter dem Entführungsplot. Das Machtgefälle zwischen Lord und Lady ist eine Konfliktquelle. Gewaltiges Potential – aus dem Cogman nichts macht. Zum einen bleiben die Motivationen der beiden ein wenig schwach, der angeteaserte Konflikt (er ist der Einflussreichere, aber ohne die Lady verzettelt er sich) wird nicht ausgebaut. Dann verlieren wir zwischendrin Lady Guantes aus den Augen, bis sich sogar Irene fragen muss, wo sie eigentlich steckt. Sind die beiden jetzt ein Paar im Sinne von einem einzigen Widersacher? Oder getrennt zu nehmende Akteure? Wer ist hier der Schlimmere, Bösere, Mächtigere? Lord oder Lady?

Das ist der Nachteil, wenn wir nicht einen übermächtigen Haupt-Widersacher gegen unsere Hauptfiguren hetzen, sondern mehrere, wo die Macht-Hierarchie schwammig bleibt: Sie schwächen sich gegenseitig, selbst wenn sie in der Handlung an einem Strang ziehen. Wenn drei parallel angelegte Antagonisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bleibt unter dem Strich ein schwächerer Gegner.

In der Filmtrilogie Der Herr der Ringe ist Sauron der Oberbösewicht. Sauron hat Saruman, aber Saruman ist nur ein Handlanger Saurons. Wenn Cogman eine Figur zum Hauptwidersacher gemacht hätte, eine Intrigantin, die an den Fäden von ihrem Mann, den Zehn und allen anderen zieht – oder am besten: Alberich! – dann hätten wir eine Story, wo Irene, Kai und Vale einem Widersacher von den Ausmaßen eines Saurons gegenübersteht.

Weiterentwicklung führt zu großen Geschichten

So wie die Bände jetzt angelegt sind, haben sie mich an eine Serie aus dem letzten Jahrtausend erinnert. In jeder Folge kämpft der Held gegen einen neuen Gegner, der ihm nie das Wasser reichen kann. Das funktioniert schon auf eine Art. Aber eine wahrhaftig große Geschichte braucht den gewaltigsten Widersacher schlechthin. Das lässt sich natürlich noch herumreißen:

Wo eine Entwicklung hin von seriellen Konflikten zu einem gewaltigen Konflikt gut funktioniert, ist die Serie Agents of S.H.I.E.L.D., ein Paradebeispiel dafür, wie sich die sogenannte „Long Form“ (Serien) in den letzten Jahren entwickelt haben. Die ersten Folgen über steht jede Folge fast für sich allein, meistens wird irgendein neuer Gegner besiegt, ein neuer Fall gelöst. Gegen Ende der Staffel 1 ändert sich das und entwickelt sich zu einer Serie, in der man keine Folge mehr auslassen sollte. Vielleicht macht Cogman es ja ähnlich, und vielleicht lässt sie dann auch ihre Figuren nicht länger stagnieren. Aber solange muss man erst durchhalten. Agents of S.H.I.E.L.D habe ich auch nur weitergeschaut, weil mir eine Freundin dringend nahe gelegt hat, „durchzuhalten“. Aber das ist bei einstündigen TV-Serien auch leichter als bei 400 Seiten Romanen.

Der Story-Koch: Von Genres und Süßspeisen

Kürzlich habe ich den Wissenschafts-Thriller Blackout von Marc Elsberg über die Folgen eines kontinentweiten Stromausfalls rezensiert (bei Lovelybooks). Ein beeindruckend recherchierter Roman zu einem Thema, das genausogut Stoff für ein Sachbuch gestellt hätte.

Süßspeise oder Herzhaft? – Unterhaltung oder Sachbuch?

Marc Elsberg hat sich für die Süßspeise – Belletristik – entschieden. Aber damit endet die Frage Was ist es? noch nicht. Als Story-Koch müssen wir uns noch vor dem eigentlichen Schreiben festlegen: Welches Genre bediene ich?

Genre-Wahl: Das Menü für die Gäste

Elsberg wusste wohl zu Beginn an, dass seine thematische Kernidee (Stromausfall und Folgen) die Handlung diktieren sollte, das Ganze also ein plot-getriebener Roman werden würde. Er legte sich auf einen Thriller von globalem Ausmaß fest. Ein anderer Autor hätte sich womöglich für eine Liebesgeschichte während eines Stromausfalls oder ein Familiendrama entschieden. (Zum Beispiel: Wie enthüllt eine Krise Zusammenhalt und Auseinanderbrechen in einer kleinen Gemeinschaft?) Doch dann wäre der Fokus vom Strom-Blackout zu Figuren und Beziehungen gewandert, und es wäre eine ganz andere Story für ein anderes Publikum geworden.

Die Wahl des Genres hat nicht nur mit der ursprünglichen Idee und dem, was der Autor gerne schaffen möchte, zu tun. Ein guter Thriller-Autor ist nicht unbedingt in der Lage, ein so intensives Liebesdrama wie Zeiten des Aufruhrs zu schreiben, und umgekehrt. Um im Bild zu bleiben: Jeder Bäcker hat seine Stärken und seinen Bereich, in dem er besonders gute Produkte schafft: Wenn ich niemals italienische Nachtische bereite, dafür tolle Blechkuchen, dann bewege ich mich am besten im „Genre“ Blechkuchen.

Genre-Erwartungen: Zwetschgenkuchen oder Tiramisu

Unser Story-Koch weiß nun also, was er backen will, er kann sein Genre benennen. Das hat Folgen für die Erwartungen des Lesers. Wenn ich Zwetschgenkuchen höre, entsteht ein recht genaues Bild in meinem Kopf, Geschmack und Geruch inklusive. Ich kenne die Kernzutaten, ich weiß, worauf ich mich – wenn der Bäcker einen guten Job macht – freuen kann. Bei einem Thriller sind das beispielsweise Spannung, die sich aus dem Gefühl, dass wir nie sicher sind, entwickelt, Cliffhanger, Twists und Wendungen mit womöglich sogar einem vorgetäuschten Ende, ein mächtiger Antagonist, die Endschlacht zwischen dem Guten und dem Bösen.

Ein Genre weckt Erwartungen. Zwetschgenkuchen ist etwas fundamental anderes als Tiramus. Natürlich, beide befriedigen die Lust auf etwas Süßes. Aber ich muss wissen, was ich schaffen möchte, sonst lande ich bei einem Zwetschmisu, das mein Publikum nicht mag. Oder ich weiß von Anfang an, dass ich einen originellen Genre-Mix anstrebe, aber dann passe ich schon zu Beginn das Rezept an. Vielleicht muss ich in dem Fall sogar sehr viel ausprobieren, bevor ich weiß, was funktioniert.

Das Genre oder die Bestimmung Was ist es? fungiert als Wegweiser zu meiner Süßspeise. Damit diktiert es grundlegende Inhalte. Ein Zwetschgenkuchen braucht Mehl. Ob Dinkelmehl oder Weizenmehl kann ich bei jedem neuen Kuchen bestimmen. Ob ich bei einem Thriller einen männlichen oder weiblichen Antagonisten habe, ob sie ein Psychopath ist oder hinter Geld her, kann ich alles entscheiden. Aber ohne einen mächtigen Antagonisten habe ich keinen Thriller. Der Widersacher ist eine Kernzutat.

Genauso: Wenn ich einen Wissenschafts-Thriller schreibe, ohne dass der technisch/wissenschaftliche Horror darin eine Hauptrolle spielt, dann bekomme ich einen Zwetschgenkuchen ohne Zwetschgen.

Lerne backen – lerne Storyprinzipien

Beim Kochen wie beim Schreiben bleibt vieles den Entscheidungen des Künstlers überlassen. Doch einiges ist, sobald ich mich einmal festgelegt habe, nicht mehr variabel. Den grundlegenden Kochprinzipien – Storyprinzipien – können wir nicht auskommen. Genreprinzipien sind ein wesentlicher Teil davon. Strukturprinzipien ein anderer.

Ich kann einen Kuchen nicht backen und die Eier erst hinterher in den Teig rühren. Als Erzähler kann ich meine größten Geheimnisse nicht zu Beginn über den Lesern ausschütten. Manchmal muss ein Teig eine Zeit lang gehen. Manchmal muss ich meinem Leser erst ermöglichen, mit meiner Figur mitzufühlen, bevor ich ihr das Leben zur Hölle mache. Ich kann den Kuchen nicht mit 60° backen, wenn er 180° braucht, und ich kann keinen Thriller schreiben, ohne ständig am Tempo zu drehen und es für die Hauptfiguren oder die Welt immer schlimmer werden zu lassen.

Das Studium der Storyprinzipien ist wie eine Kochausbildung. Egal ob als Koch oder begeisterter Esser: Wir lernen, was funktioniert. Und warum es funktioniert.

Vielleicht sehen wir uns ja mal in einem meiner Story-Seminare.

Eleanor Oliphant – wortgewandte Einsamkeit

Gail Honeyman hat mit Ich, Eleanor Oliphant (Originaltitel: Eleanor Oliphant is completely fine) ein berührendes, unaufgeregtes Drama über die innere Reise aus der Einsamkeit zu Glück und sich selbst geschrieben.

Eleanor Oliphant erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form und in ihrer eigenen bemerkenswerten Stimme. Gail Honeyman braucht nur wenige Seiten, um ihre Hauptfigur und Erzählerin zu etablieren und uns, den Leser, in die einsame Tragik dieser von ihren Gefühlen und Sehnsüchten abgeschnittenen Protagonistin hineinzuziehen.

Genres: Education Plot, Buddy Love, Emotional Detective Story

Ich, Eleanor Oliphant ist ein Entwicklungsroman, der seine Figur liebevoll vom Negativen zum Positiven führt. Zu einer lebensbejahenden Haltung nach Jahren in Dunkelheit und den Mauern eines Gefängnisses, dessen Wände aus Schuld, Trauer, Trauma und Selbstschutz bestehen. Der Konflikt bei einem solchen Plot entsteht aus den Gewohnheiten und Einstellungen der Hauptfigur, die – allem Selbstschutz als Zweck zum Trotz –selbstzerstörerisch sind. Eleanor hat keine Feinde im Außen, sondern das Monster, gegen das sie kämpfen muss, verbirgt sich in ihr selbst.

Jahrzehntelang hat Eleanor sich weggeduckt, sich von der Welt und ihren Gefühlen abgeschnitten. Sie hat die Einsamkeit umarmt. Bis zwei Ereignisse sie aufrütteln, und damit setzt der Roman ein:

Erstens: Eleanor verknallt sich in den Sänger einer Band. Spätestens hier wissen wir: Eleanor Oliphant ist auf einer Suche. Schön klassisch gibt ihr Gail Honeyman dabei eine falsche Suche, einen falschen Wunsch, während wir als Leser die ganze Zeit wissen, dass es mit Johnnie dem Sänger nur schlimm enden kann.

Zweitens: Eleanor trifft Raymond. Diese Begegnung – der eigentliche anfängliche Wendepunkt – setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die Eleanor zeigen, was Leben sein könnte und welche Möglichkeiten in ihr schlummern. Eleanor Oliphant ist eine Überlebende. Aber keine Lebende. Und so bekommt sie für ihre Heldenreise einen Mentor und Freund an die Seite gestellt: Raymond.

Was zwischen Raymond und Eleanor Oliphant entsteht, ist eine Liebesgeschichte im Sinne von Blake Snyders „Buddy Love Genre“. Solchen Geschichten liegt eine Tranformation zugrunde. Einer Figur wird eine andere Figur andere an die Seite gestellt, durch die sie Vervollständigung erfährt. Das kann, muss aber keine romantische Liebe sein.

Um neu geboren zu werden, muss sich Eleanor  jedoch ihrer Vergangenheit stellen. Was ist Eleanors Geheimnis? Welches Trauma hat sie durchlebt? Hier bewegen wir uns in einer emotionalen Detektiv-Story, die dem Leser keine Knalleffekte bietet, sondern einen ruhigen Strom aus Hinweisen, der ganz dem Charakter dieser unaufgeregten, logischen Hauptfigur entspricht.

Sprache und Ich-Perspektive als Einheit

Ich habe den Roman auf Englisch gelesen und hoffe, dass die deutsche Übersetzung (erschienen bei Lübbe)  die Sprache Eleanors, mit der sie uns ihre Geschichte erzählt, einfängt in all ihrem Witz, ihrer Wortgewandtheit, Distanz, Sehnsucht und Tragik. Denn ist die Sprache, die diesen Roman zu einem Meisterwerk macht.

Eleanor Oliphant is completely fine führt uns mit der Hauptfigur als Ich-Erzählerin durch die Geschichte. Ihr Stil ist einzigartig. Eleanor liebt Kreuzworträtsel und sie redet wie eines. Sie benutzt Worte und eine Grammatik, wie wir sie von einer siebzigjährigen Professorin erwarten würden, und zeigt allein durch ihre Ausdrucksweise, wie fast schon absurd anders sie ist, wie distanziert und weltfremd.
Doch die Sprache enthüllt ebenfalls, welch Humor, Intelligenz und Ironie in Eleanor schlummern. Die Art, wie sie die Welt kommentiert, lässt uns lachen, selbst wenn die dahinter steckende Einsamkeit unsäglich traurig ist.

Die Stimme der Figur spiegelt und enthüllt ihren Charakter. Doch Gail Honeyman stimmt auch Kleidung, Essen, Wohnungseinrichtung, all die kleinen alltäglichen Dinge perfekt auf ihre Figur ab, um sie lebendig und authenthisch zu machen.

Über Einsamkeit und die Absenz von Gefühlen

Einsamkeit endet, wenn wir Emotionen lernen, uns ihnen öffnen, anstatt sie zu begraben oder zu vermeiden. Einsamkeit hat keinen Raum unter wahren Freunden und Familie.

Mit dieser Kernidee hat sich Gail Honeyman ein Thema vorgenommen, das wenige Menschen kalt lässt. Es schreit nach Empathie, es berührt unsere Urängste. Große Romane werden nicht über geringfügige Werte geschrieben oder über bedeutungslose Themen. Große Geschichten handeln von großen Dingen: Liebe, Freundschaft, Familie, Erlösung.

Gail Honeyman versteckt ihr Thema nicht, sie schreibt weder subtil noch aufdringlich. Mich erinnert dieser Stil, der die Intelligenz des Lesers anerkennt, es ihm jedoch nicht schwer macht und ihm ein gutes Ende schenkt, an Disney und Pixar. Deren Filme sind Geschenke an ihr Publikum. Dieses Buch ist auch ein solches Geschenk.

Ich, Eleanor Oliphant ist ein lebensbejahender, Hoffnung gebender Roman. Platt gesagt (Eleanor Oliphant würde anders als ich hier ein viel besseres Wort finden): Es ist ein schöne Geschichte.

drei unaufgeregt fließende Akte

Eleanor Oliphant ist kein Roman der bombastischen Wendepunkte und knalligen Konflikte. Am deutlichsten wird das gegen Ende, ab dem Wechsel vom zweiten zum dritten Akt.

Der große Knall bleibt aus – entgegen dem, was man als Leser vielleicht an Schlimmem bzw. an sensationellen Peinlichkeiten erwartet. Eleanor hat „bloß“ eine Erkenntnis, woraufhin sie handelt, wie wir es die ganze Zeit befürchtet haben. Der Tiefpunkt ist erreicht – und wird auf wenig überraschende Art überwunden.

Der letzte Akt setzt sich erstmals ohne großen End-Konflikt oder Überraschung fort. Wenn sich Eleanor endlich ihrer Vergangenheit stellt, strömen die Erkenntnisse sanft und schrittweise. Aus struktureller Sicht und Konfliktperspektive wirkt das etwas mager, das Buch scheint zunächst auszutröpfeln. Ich habe diesen Teil trotzdem gerne gelesen, denn die Autorin hat einerseits genügend unterhaltsame Untiefen eingebaut (z.B. das „Ihre-Zeit-ist-leider-rum-Gehabe bei der Psychotherapie). Andererseits war ich froh, Eleanor dabei zusehen zu können, wie sie Schritt für Schritt zum Glück findet und ihre letzten notwendigen Erkenntnisse durchlebt. Ein entspannendes Ende, das trotz seiner fehlenden „End-Schlacht“ befriedigt und dem Buch gerecht wird.

Und auf den letzten Seiten überrascht Honeyman uns dann doch noch einmal, wenn wir es nicht schon geahnt haben. Unaufgeregt, konsequent enthüllt das Monster sein wahres Versteck. Aber da ist es bereits besiegt.