Die Weltsicht des Bösewichts

Der Thriller Die Vorsehung mit Anthony Hopkins ist ein Lehrstück für einen wunderbar konzipierten Widersacher-Charakter und ein Story-Element, das vor allem bei diesem Genre sehr häufig vorkommt: die Rede, in welcher der Bösewicht seine Weltsicht darlegt (Englisch: Speech in praise of the villain).

Protagonist vs Antagonist: Konflikte von Weltsicht und Werten

In Thrillern ist der Widersacher meist genauso wichtig wie die Hauptfigur. Nur im Konflikt mit einem faszinierenden, zunächst übermächtig erscheinenden Antagonisten gewinnt die Handlung an Sog. Doch hier kämpfen nicht nur zwei Personen gegeneinander. In der Schlacht dieser beiden Hauptfiguren kämpfen ebenfalls die verschiedenen Schattierungen des Themas der Geschichte miteinander, zwei Weltsichten und Motivationen. Der zentrale Wert, um den es geht, erhält dabei seine schlimmste Ausprägung. Zum Beispiel, wenn ein Fremder aus Mitleid/Empathie/Liebe bestimmt, wann unserer (angenommenes) Leiden ein Ende haben soll.

Die Bösewichter haben den Helden meist an irgendeinem Punkt in der Story in ihrer Gewalt. Das ist der perfekte Moment für die Rede des Bösewichts.

Die Weltsicht des Bösewichts: ein Quentchen Wahrheit

In Die Vorsehung spielt Colin Farell den Widersacher von Anthony Hopkins. Er ist dem Helden stets einen Schritt voraus, er ist stärker und scheinbar unbesiegbar. Dann treffen sie in einem Café aufeinander, wo der Böse endlich zu erklären beginnt, weshalb er tut, was er tut.

Und wir ertappen uns bei dem Gedanken: Naja, eigentlich, ein klein wenig, hat er doch Recht … oder?

Das ist das Herzstück eines Thrillers, der sich um den Antagonismus zweier gewaltiger Charaktere herumbaut und deren Motivation Raum gibt. So lauschen wir den Erläuterungen des Bösen voller Faszination, und was er erzählt, klingt zunächst logisch. Seine Weltsicht hat Fundament, eine inhärente Logik und Konsequenz. Deshalb ist sie packend, bezwingend und verstörend.

Im Falle von Die Vorsehung gründet sich die Motivation des Bösen auf Werte, die wir teilen können. Der Widersacher handelt nicht aus Gier, nicht aus Wut, sondern aus (einer verqueren) Empathie heraus. Wichtig hier: Der Bösewicht glaubt, recht zu handeln und er sieht seine Weltsicht als anderen überlegen an.

Werte und Story: Gefühl und Verstand

Und doch gibt es in uns ein Gefühl –bevor unser Verstand hinterherkommen mag –, das bei Colin Farells Rede aufschreit: Moment, das ist doch pervers!

Das ist das Spannende bei Werten. Sie existieren nicht nur in unserem Verstand, sie existieren in einer Ebene darunter, in unseren Gefühlen.

Das haben sie gemein mit Storytelling im Ganzen. Denn Geschichten sprechen Gefühl und Verstand beidermaßen an. Eine gute Rede des Bösewichts tut genau dasselbe.

 

Was sind gute Geschichten?

Was macht  „gute Geschichten” aus?

Ich biete ganze Seminare zu dem Thema an, doch jenseits von Storyprinzipien, von der Analyse von Storyelementen, mag ein jeder von uns seine eigene simple Definition finden.

Diese mag sagen:

Eine gute Geschichte ist spannend.

Eine gute Geschichte berührt mich.

Gute Geschichten erzählen mir etwas Wahres.  Nicht umsonst lautet das Credo des amerikanischen Story-Gurus Robert McKee: Tell the truth!

Die Lektüre von Stoner, ein Roman von John Williams, hat mich zu folgender Überlegung geführt:

Eine gute Geschichte vermag uns dem Leben näher zu bringen, als das Leben selbst.

Die großen Fragen des Lebens

Stoner ist ein Paradebeispiel dafür, was Literatur vermag. Es erzählt keine Heldengeschichte von einem herausragenden Mann, in herausragender Position, der gegen übermenschliche Antagonisten angeht. Nein, es ist die Geschichte des „kleinen Mannes“, die dich traurig macht und wütend und dich gleichzeitig tröstet. Dieser Roman stellt Fragen wie was wir vom Leben erwarten. Was bleibt? Was ist Glück? Er erzählt uns eine Geschichte vom Wert eines anständigen Lebens, das leise tritt, anstatt mit Donnerhall.

Stoner und Oben

Darin gleicht Stoner den ersten Minuten des Pixar-Films Oben. Ein Familienfilm im Vergleich mit einem Romanautor der klassischen amerikanischen Moderne? Animation im Vergleich mit hoher Literatur? – Ja, weil der Anfang von Oben zeigt, was Leben ist, und wie Stoner wählt es dazu nicht Menschen, die Präsident wurden, zum Mond flogen, Selfmade-Milliardäre wurden oder jemanden unter Einsatz des eigenen Leben retteten. Oben erzählt uns innerhalb von ein, zwei Minuten Freud und Leid, von Träumen und Hürden der „normalen“ Menschen. Es ist kondensiertes Leben.

Story reduziert, Story verdichtet, bis die Wahrheiten des Lebens nicht mehr im Rauschen von Allerlei untergehen, sondern herausstechen wie eine Projektion. Oder wie Fragen, in Großbuchstaben an die Wand gemalt. Nicht immer mit Antworten darunter.

Gute Geschichten extrahieren Bedeutung. Sie schaffen Bedeutung. Nicht ohne Grund ist die gleichnamige Hauptfigur von Stoner Literaturprofessor, der in der Begegnung mit Literatur erstmals Leben richtig fühlt.

PS: Wer sich dafür interessiert, ob diese Überlegungen auch in der Werbung und im Business Anwendung finden können, der kann gerne hier weiterlesen:

Muss es der Überflieger sein? – Über gute Geschichten

Monster und Liebende – Cersei Lannister & Motivation

Die Tage habe ich A Game of Thrones, Staffel 6 angeschaut. Eine der größten Stärken dieser Serie (in Buch wie im TV) sind die Charaktere. Auf einen der wichtigsten Aspekte bei Charakterentwicklung möchte ich in diesem Blog näher eingehen:

Motivation.

Motivation – Moment der Identifikation

Die Lannisters sind keine guten Menschen. Sie sind Machtmenschen, Feinde der Starks, sie töten, verraten, sie intrigieren. Aber sie sind nicht nur böse. Sie sind grau, und jeder von ihnen hat mindestens eine Eigenschaft, mit der wir uns alle identifizieren können. Die wir ehren können. Für die wir sie in manchen Momenten sogar mögen. Bei Cersei ist es ihre Liebe für ihre Kinder (und Jaime). Sie ist eine Löwin, wie sie im Buche steht. Und aus dieser Liebe schöpft sie Motivation für ihre Taten.

Mach es persönlich und es trägt in die Ewigkeit

Diese Motivation trägt Cersei Lannister durch die Staffeln. Vom ersten Buch der Serie an, der ersten Folge der TV Serie begegnen wir einer Frau, die zugleich Monster sein kann und Liebende. Viele Autoren trauen sich eine solche charakterliche Komplexität nicht, die auf einem Handlungsmotiv beruht, dass sowohl zum Guten wie auch zum Bösen eingesetzt wird. Liebe ist eines der stärksten Motive überhaupt. Es wandelt sich nicht, es läutert sich nicht. Es ist immer persönlich. Kämpfe dagegen, und die Löwin fährt die Krallen aus.

Ein schwächeres Motiv mag über ein paar Folgen tragen, vielleicht auch über eine Staffel, ohne dass es sich ändern muss. Doch selbst in der 6. Staffel von A Game of Thrones fragen wir uns noch immer: Wie weit wird Cersei gehen? Welchen Verrat kann sie ertragen? Wie wird sie sich rächen?

George R.R. Martin hat Cerseis Antrieb persönlich gemacht, unzerrüttenbar und unendlich. Monster und Mutter, nicht immer in dieser Reihenfolge. Wie alle großen Geschichten lebt Game of Thrones von seinen Charakteren.