Monster und Liebende – Cersei Lannister & Motivation

Die Tage habe ich A Game of Thrones, Staffel 6 angeschaut. Eine der größten Stärken dieser Serie (in Buch wie im TV) sind die Charaktere. Auf einen der wichtigsten Aspekte bei Charakterentwicklung möchte ich in diesem Blog näher eingehen:

Motivation.

Motivation – Moment der Identifikation

Die Lannisters sind keine guten Menschen. Sie sind Machtmenschen, Feinde der Starks, sie töten, verraten, sie intrigieren. Aber sie sind nicht nur böse. Sie sind grau, und jeder von ihnen hat mindestens eine Eigenschaft, mit der wir uns alle identifizieren können. Die wir ehren können. Für die wir sie in manchen Momenten sogar mögen. Bei Cersei ist es ihre Liebe für ihre Kinder (und Jaime). Sie ist eine Löwin, wie sie im Buche steht. Und aus dieser Liebe schöpft sie Motivation für ihre Taten.

Mach es persönlich und es trägt in die Ewigkeit

Diese Motivation trägt Cersei Lannister durch die Staffeln. Vom ersten Buch der Serie an, der ersten Folge der TV Serie begegnen wir einer Frau, die zugleich Monster sein kann und Liebende. Viele Autoren trauen sich eine solche charakterliche Komplexität nicht, die auf einem Handlungsmotiv beruht, dass sowohl zum Guten wie auch zum Bösen eingesetzt wird. Liebe ist eines der stärksten Motive überhaupt. Es wandelt sich nicht, es läutert sich nicht. Es ist immer persönlich. Kämpfe dagegen, und die Löwin fährt die Krallen aus.

Ein schwächeres Motiv mag über ein paar Folgen tragen, vielleicht auch über eine Staffel, ohne dass es sich ändern muss. Doch selbst in der 6. Staffel von A Game of Thrones fragen wir uns noch immer: Wie weit wird Cersei gehen? Welchen Verrat kann sie ertragen? Wie wird sie sich rächen?

George R.R. Martin hat Cerseis Antrieb persönlich gemacht, unzerrüttenbar und unendlich. Monster und Mutter, nicht immer in dieser Reihenfolge. Wie alle großen Geschichten lebt Game of Thrones von seinen Charakteren.

Lesetipp: Isabel Bogdan – Der Pfau

Isabel Bogdan: Der Pfau

Eine Gruppe britischer Banker auf Teambuilding in einem alten Anwesen in Schottland im November. Ein aggressiver Pfau, eine nicht ganz so aggressive Gans und Hunde, die oftmals klüger sind als ihre Besitzer.

Aus dieser Gemengelage entwickelt Isabel Bogdan einen Roman der leisen Konflikte voller Herz, Liebe zum Menschen und wunderbar skurriler Momente und Einsichten über die Hürden und die Kraft wahrhaftiger Kommunikation.

Ein Roman wie eine eigene Persönlichkeit dank liebevoll gezeichneter Charaktere und einer fabelhaften Erzählstimme.

Der allwissende Erzähler als Kunst

Der allwissende Erzähler hüpft von einem Kopf zum nächsten, auch in den von Tieren. Ist diese Erzählform bei schwächeren Autoren oft problematisch, weil sie leicht zu schwacher Charakterentwicklung verleitet oder meint, dem Leser alles auf dem Tablett servieren zu müssen und dabei Subtext auslöscht, schafft Bogdan eine wunderbare Balance aus Intimität und Distanz bei einer sympathischen aber doch stets unterhaltsamen, ironischen Erzählerstimme mit eigener Persönlichkeit.

Charaktergetriebener Plot

Die Atmosphäre und der Stil des Romans entsteht aus seiner Liebe zu ausgewählten Details, allen voran das Essen, das ebenfalls eine große Rolle spielt – fast wie eine eigene Persönlichkeit. Überhaupt besitzt alles in diesem Roman Persönlichkeit: das Gebäude, die Tiere, das Land, selbst der Hot Tub. Die Charaktere bilden das Herzstück des Romans.

Den Roman fehlt ein klarer Protagonist, sind doch alle Figuren recht gleichwertig in der Zeit, die wir mit ihnen verbringen. Eine gute Frage hier ist immer, wer muss eigentlich den längsten inneren Weg zurückzulegen, wer hat den größten Entwicklungsbogen? Manche Banker entwickeln sich über die Handlung hinweg mehr als andere, allen voran Liz, die Chefin. Ich würde trotzdem argumentieren, dass das Team hier der Protagonist ist. Sie kommen zwar nicht als Team im Tal an, haben zunächst kein gemeinsames Ziel, aber das Teamtraining hat seinen Effekt – selbst wenn es anders läuft als geplant. Gemeinschaft, Nähe, Respekt, das ist der Preis, den sie erringen.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es mir zu Beginn etwas schwer fiel, die verschiedenen männlichen Banker auseinander zu halten, weil zwar jeder mit mindestens einer Eigenheit eingeführt wird, allerdings alle auf einmal. Was ich daraus lerne: dem Leser ein bisschen mehr Zeit geben, die verschiedenen Charaktere zu sortieren. Diese kleine Hürde trübt den Spaß an diesem Buch und seinen vielfältigen Persönlichkeiten – menschlich, tierisch, gegenständlich … – aber nur kurz.

Fazit: Wer auf rasante Action und lauten Konflikt hofft, den mag dieser Roman leicht enttäuschen, der alle anderen jedoch bestens unterhält und dabei menschliche und tierische Wahrheiten enthüllt.

Glaubensfrage: Wie komplexe Charaktere aus Schubladen springen

Glaubensfrage (Originaltitel: Doubt – so viel zur Frage, was das Thema des Films ist) ist ein Bühnenstück und Spielfilm des Amerikaners Patrick Shanley. Ich beziehe mich im Folgenden auf die Filmfassung mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman in den Hauptrollen.

Über den Film allein ließe sich ein eigenes Story-Seminar machen. Aber ich will mich hier auf den Aspekt, wie das Werk komplexe Charaktere schafft, konzentrieren.

Ein wesentliches Story-Prinzip hierbei ist, dass die Charakterisierung über die Taten der Figuren erfolgt und nicht, in dem uns ihre Eigenschaften erzählt werden (Prinzip „Show, don’t tell“). Kleine Handlungen der Figuren beginnen dabei, unser anfängliches Bild über die Figuren zu revidieren. Zweifel kommen auf – Charakterisierung, Handlung und Thema verschmelzen.

Aber schauen wir uns die erste Hälfte des Films an, insbesondere den ersten Akt, und wie die zwei Protagonisten (einer der Antagonist des anderen – und wer ist eigentlich der „Böse“?) eingeführt werden.

Der Nette und der Drache

Wir lernen Vater Flynn (Philip Seymour Hoffman) während einer Predigt zum Thema Unsicherheit kennen. Ein guter Redner, ein offener, menschlicher, empathischer Geistlicher.

Schwester Aloysius (Meryl Streep) hingegen begegnen wir als gestrengen, von den Kindern gefürchteten Drachen, der sie stets im Blick hat und maßregelt.

Vater Flynn macht seinen Ministranten recht weltliche Geschenke (eine Tänzerin!), ist jovial, humorvoll und volksnah. Er wird von (fast allen) gemocht. Ein Priester zum Anfassen.

Schwester Aloysius dagegen wird in den ersten Szenen durchweg als streng, konservativ, altmodisch, humorlos, ungeduldig, strafend, sarkastisch und scharf vorgeführt. Ein krasser Kontrast zu den anderen Nonnen.

Alles klar? Soweit so schwarz, soweit so weiß. Die Schubladen sind offen und nach 15 Minuten wissen wir Bescheid.
Oder doch nicht?

Komplexe Charaktere – Kein Schwarz und Weiß

Wir erleben die Nonnen beim Abendessen. Und beobachten, wie Schwester Aloysius einer erblindenden alten Nonne diskret hilft. (Für Fans von Blake Snyder: ein Save the Cat! Moment, also ein klassisches Rezept, um Sympathie für eine Figur zu schaffen). Gleichzeitig bleibt Aloysius jedoch streng, distanziert und ungeduldig. Das Konzept, Zweifel zu haben, ist ihr ganz offenbar fremd. Aber zum ersten Mal zucken womöglich unsere Mundwinkel ein wenig angesichts ihrer schnippischen Härte den anderen Nonnen gegenüber, die im Vergleich zu ihrer Oberin die reinsten Lämmer sind – freundlich, naiv, harmlos. Langweilig.

Als ein Schüler Nasenbluten vortäuscht, zeigt sich, dass Aloysius in ihrer Strenge und Direktheit oft auch den richtigen Riecher hat. Wir müssen ihr zugestehen, dass sie wohl eine gewisse Menschenkenntnis hat. Ist sie nicht nur eine Zynikerin, die bloß Schlechtes von anderen denkt, ewig misstrauisch? Oder ist sie klüger und auf eine Art weiser als die anderen?

Jetzt geht der Verfasser einen Schritt weiter. Shanley zeigt Aloysius Fähigkeit zur Fürsorge unverhohlen, indem er sich wieder der blinden Schwester bedient. Aloysius dient der Alten, sie ist aufmerksam und sie versteht es als ihre Aufgabe, ihre Nonnen und Schüler zu beschützen. Ein verantwortungsvoller Mensch, der sich um die ihm Anvertrauten sorgt, auch wenn es eine hart daherkommende Fürsorge ist.

Schwester Aloysius hat also Eigenschaften, die wir bewundern können. Keiner spricht das aus, aber wir bekommen es unaufdringlich, schleichend gezeigt.

Das Scarlett-O’Hara-Syndrom

In einer Klassenraumszene erleben wir erneut Aloysius überlegenen Pragmatismus, ihre Menschenkenntnis und auch ihre kleinen Tricks. Vielleicht beginnen wir langsam, ihre scharfe Zunge zu genießen. Denn was hier passiert (und von einem guten Verfasser wunderbar dirigiert wird), ist ein Weg, um Empathie mit einem Protagonisten zu schaffen, für den es nicht immer leicht ist, Sympathie zu empfinden.

Man kann das als das Scarlett-O’Hara-Syndrom bezeichnen: Die Protagonistin ist vielleicht nicht sonderlich liebenswert, aber sie ist soviel interessanter und stärker und lebendiger als die anderen in ihrem Umfeld (hier: die Nonnen). Wir beginnen, Empathie, vielleicht sogar Sympathie für Scarlett O’Hara/Schwester Aloysius zu empfinden, einfach weil sie uns so gut unterhalten und wir sie für ihren Schneid, ihre Lebenskraft im Kontrast zu ihrem Umfeld bewundern.

Innere Widersprüche in den Figuren & die Einheit von Handlung, Thema und Charakteren

Flynn hingegen erleben wir nun auch von einer anderen Seite. Er ist weiterhin kumpelhaft mit den Jungs, aber nun blitzen Momente auf, in denen er nicht ganz so nett ist. Die Baseballszene offenbart eine gewisse selbstgerechte Eitelkeit, vielleicht gar eine gewissermaßen flexible Ethik. Irgend etwas, mag ein Instinkt in uns zu flüstern beginnen, ist seltsam an diesem Kerl, auch wenn da nichts ist, was ein liberaler, moderner Mensch verdammen könnte. Bis die nächste Szene und ihn und seine Kirchenmänner zeigt, wie sie lustvoll in einem Luxusmahl schwelgen und sich dabei über ihre „fetten“ Gemeindeschäfchen das Maul zerreißen. Und plötzlich steht das Wort „boshaft“ gar über Flynn in Raum. Das wird sogar ausgesprochen, dabei bräuchte es das gar nicht. Wie wir Flynn handeln sehen, ist Charakterisierung genug.

Im Kontrast dazu zeigt uns die anschließende Szene das Abendessen der Nonnen. In strenger Schweigsamkeit unter Schwester Aloysius Drachenblick. Aber es ist eine Welt, die plötzlich „richtiger“ erscheint als die dekadente Völlerei der Priester. Oder sind wir Spießer? Sind Priester nicht auch Menschen wie wir?

Später wird Stück es selbst in einem seiner zahlreichen wunderbaren Dialoge aussprechen: Flynn meint, dass Kirchenvertreter nicht so anders sind als die gemeinen Leute. Aloysius sagt, die Menschen vertrauen darauf, dass die Kirchenvertreter anders sind. – Ein kurzer Dialogschnipsel, über den man einen ganzen Abend lang diskutieren könnte. Wo liegt die Wahrheit? Wir sind als Zuschauer mitten im Stück, mitten in der Diskussion, und was uns dort hineinzieht, sind die meisterhaft orchestrierten, scheinbar inneren Widersprüche der komplexen Hauptfiguren. Handlung, Charaktere und Thema verschmelzen zu einer Einheit.

Jetzt nähern wir uns dem Ende des ersten Aktes. Dem Moment, in dem Aloysius’ ganzes Misstrauen explodiert und sie sich ihre Aufgabe, eine Mission, einen Kreuzzug nimmt. Sie darf nicht wanken in ihrer Gewissheit. Aloysius urteilt schnell. Allerdings erleben wir sogleich darauf, dass sie sogar zu lügen bereit ist, um ihre blinde Nonne zu schützen. Würde ein moralischer Prinzipienreiter so handeln? Und was ist mit ihrer Lebendigkeit, ihrem spöttischen Humor, der sich nun stärker entfalten darf – unverstanden von den anderen. Wieder tut Aloysius das, was alle guten Charaktere tun: Sie unterhält uns.

Zu diesem Zeitpunkt ist beim Zuschauer schon die ein oder andere eigene Gewissheit ins Wanken gekommen. Die Zweifel wachsen. Subtil, unaufdringlich, meisterhaft.