Genres – Wie kategorisieren wir Geschichten?

Was beschreiben eigentlich Genres?

Genres klassifizieren verschiedene, uneinheitliche Aspekte einer Geschichte wie

  • Setting (z.B. Western, historisch)
  • emotionale Tonalität (Komödie, Drama)
  • Inhaltliches (z.B. Detektivgeschichte, Liebesgeschichte)
  • Realititätsgehalt (z.B. Fantasy)

Dazu kommen weitere Genres, die sich auf die innere Reise bzw. Transformation der Hauptperson beziehen. Dazu zählen u.a. Coming-of-Age-Geschichten, die uns von der Reifung eines Charakters erzählen oder Prüfungsplots, die auf den Willen eines Menschen zielen (wie z.B. Der Alte Mann und das Meer oder The Revenant).

Supra-Genres und Sub-genres

Ein Roman oder Film, der im Supra-Genre Fantasy unterwegs ist, kann inhaltlich Romance zugeordnet werden, es kann sich um einen Krimi handeln oder um eine Coming-of-Age-Geschichte. Oft sprechen wir dann von Sub-Genres, die zwei verschiedene Arten der Kategorisierung oder Genres mixen (z.B. Fantasy Romance – eine Liebesgeschichte im phantastischen Setting).

Überlegt gerne mal, was eure Lieblingsgeschichten an verschiedenen Genre-Aspekten beinhalten. Und wenn ihr z.B. inhaltlich Love/Romance bevorzugt, mögt ihr sie in allen Settings oder fallen manche Genres (z.B. Fantasy Romance, Historical Romance) für euch weg, obwohl inhaltlich dieselben Geschichten erzählt werden?

Im Folgenden ein Beispiel von Genres anhand meines aktuellen Romans:

»Das Erbe der Rauhnacht»: historische Fantasy, Mythen & Legenden

»Das Erbe der Rauhnacht» ist zunächst einmal dem Supra-Genre Fantasy einzuordnen. Da der Fantasy-Aspekt den historischen Aspekt überwiegt, würde es ein Buchhändler ins Fantasy-Regal stellen. Natürlich habe ich den historischen Hintergrund dieser Zeit und vor allem die Lebensrealität der damaligen Bauern recherchiert, aber ich würde dieses Buch selbst auch nicht als Roman über die Reformationszeit verkaufen. Es ist ein vor allem ein Buch über einen Weihnachtsmythos, das Brauchtum der Rauhnächte und alte europäische Sagenfiguren. Mythen und Legenden findet sich im Buchhandel übrigens oft als eigene Kategorie.

Liebesgeschichte, Coming-of-Age, Weihnachtsgeschichte

Aber was für eine Handlung erzählt »Das Erbe der Rauhnacht«? Welche weiteren Genres bedient der Roman?

Der Roman erzählt zu einen eine Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Personen, die zusammen stärker wären als allein – sofern sie denn zueinander finden können.
Gleichzeitig führt uns der Roman einen Weg des Erwachsenwerdens entlang, also einen Coming-of-Age oder Reifungsplot. Wir folgen in »Das Erbe der Rauhnacht« der Entwicklung eines jungen Knechts, wie er seinen Wert und Selbstwert entdeckt und während seiner Abenteuer reift: eine Heldenreise im klassischen Sinne.
Die Rahmenhandlung erzählt wiederum einen Erlösungsplot und dabei eine ganz eigene, zauberhafte Weihnachtsgeschichte.

Wenn ihr mich vor ein paar Jahren gefragt hättet, ob ich mal eine Erlösungsgeschichte schreibe, hätte ich euch angeschaut wie ein Auto. Aber manchmal entwickelt eine Story-Idee ihre eigene Dynamik …

Der Story-Koch: Von Genres und Süßspeisen

Kürzlich habe ich den Wissenschafts-Thriller Blackout von Marc Elsberg über die Folgen eines kontinentweiten Stromausfalls rezensiert (bei Lovelybooks). Ein beeindruckend recherchierter Roman zu einem Thema, das genausogut Stoff für ein Sachbuch gestellt hätte.

Süßspeise oder Herzhaft? – Unterhaltung oder Sachbuch?

Marc Elsberg hat sich für die Süßspeise – Belletristik – entschieden. Aber damit endet die Frage Was ist es? noch nicht. Als Story-Koch müssen wir uns noch vor dem eigentlichen Schreiben festlegen: Welches Genre bediene ich?

Genre-Wahl: Das Menü für die Gäste

Elsberg wusste wohl zu Beginn an, dass seine thematische Kernidee (Stromausfall und Folgen) die Handlung diktieren sollte, das Ganze also ein plot-getriebener Roman werden würde. Er legte sich auf einen Thriller von globalem Ausmaß fest. Ein anderer Autor hätte sich womöglich für eine Liebesgeschichte während eines Stromausfalls oder ein Familiendrama entschieden. (Zum Beispiel: Wie enthüllt eine Krise Zusammenhalt und Auseinanderbrechen in einer kleinen Gemeinschaft?) Doch dann wäre der Fokus vom Strom-Blackout zu Figuren und Beziehungen gewandert, und es wäre eine ganz andere Story für ein anderes Publikum geworden.

Die Wahl des Genres hat nicht nur mit der ursprünglichen Idee und dem, was der Autor gerne schaffen möchte, zu tun. Ein guter Thriller-Autor ist nicht unbedingt in der Lage, ein so intensives Liebesdrama wie Zeiten des Aufruhrs zu schreiben, und umgekehrt. Um im Bild zu bleiben: Jeder Bäcker hat seine Stärken und seinen Bereich, in dem er besonders gute Produkte schafft: Wenn ich niemals italienische Nachtische bereite, dafür tolle Blechkuchen, dann bewege ich mich am besten im „Genre“ Blechkuchen.

Genre-Erwartungen: Zwetschgenkuchen oder Tiramisu

Unser Story-Koch weiß nun also, was er backen will, er kann sein Genre benennen. Das hat Folgen für die Erwartungen des Lesers. Wenn ich Zwetschgenkuchen höre, entsteht ein recht genaues Bild in meinem Kopf, Geschmack und Geruch inklusive. Ich kenne die Kernzutaten, ich weiß, worauf ich mich – wenn der Bäcker einen guten Job macht – freuen kann. Bei einem Thriller sind das beispielsweise Spannung, die sich aus dem Gefühl, dass wir nie sicher sind, entwickelt, Cliffhanger, Twists und Wendungen mit womöglich sogar einem vorgetäuschten Ende, ein mächtiger Antagonist, die Endschlacht zwischen dem Guten und dem Bösen.

Ein Genre weckt Erwartungen. Zwetschgenkuchen ist etwas fundamental anderes als Tiramus. Natürlich, beide befriedigen die Lust auf etwas Süßes. Aber ich muss wissen, was ich schaffen möchte, sonst lande ich bei einem Zwetschmisu, das mein Publikum nicht mag. Oder ich weiß von Anfang an, dass ich einen originellen Genre-Mix anstrebe, aber dann passe ich schon zu Beginn das Rezept an. Vielleicht muss ich in dem Fall sogar sehr viel ausprobieren, bevor ich weiß, was funktioniert.

Das Genre oder die Bestimmung Was ist es? fungiert als Wegweiser zu meiner Süßspeise. Damit diktiert es grundlegende Inhalte. Ein Zwetschgenkuchen braucht Mehl. Ob Dinkelmehl oder Weizenmehl kann ich bei jedem neuen Kuchen bestimmen. Ob ich bei einem Thriller einen männlichen oder weiblichen Antagonisten habe, ob sie ein Psychopath ist oder hinter Geld her, kann ich alles entscheiden. Aber ohne einen mächtigen Antagonisten habe ich keinen Thriller. Der Widersacher ist eine Kernzutat.

Genauso: Wenn ich einen Wissenschafts-Thriller schreibe, ohne dass der technisch/wissenschaftliche Horror darin eine Hauptrolle spielt, dann bekomme ich einen Zwetschgenkuchen ohne Zwetschgen.

Lerne backen – lerne Storyprinzipien

Beim Kochen wie beim Schreiben bleibt vieles den Entscheidungen des Künstlers überlassen. Doch einiges ist, sobald ich mich einmal festgelegt habe, nicht mehr variabel. Den grundlegenden Kochprinzipien – Storyprinzipien – können wir nicht auskommen. Genreprinzipien sind ein wesentlicher Teil davon. Strukturprinzipien ein anderer.

Ich kann einen Kuchen nicht backen und die Eier erst hinterher in den Teig rühren. Als Erzähler kann ich meine größten Geheimnisse nicht zu Beginn über den Lesern ausschütten. Manchmal muss ein Teig eine Zeit lang gehen. Manchmal muss ich meinem Leser erst ermöglichen, mit meiner Figur mitzufühlen, bevor ich ihr das Leben zur Hölle mache. Ich kann den Kuchen nicht mit 60° backen, wenn er 180° braucht, und ich kann keinen Thriller schreiben, ohne ständig am Tempo zu drehen und es für die Hauptfiguren oder die Welt immer schlimmer werden zu lassen.

Das Studium der Storyprinzipien ist wie eine Kochausbildung. Egal ob als Koch oder begeisterter Esser: Wir lernen, was funktioniert. Und warum es funktioniert.

Vielleicht sehen wir uns ja mal in einem meiner Story-Seminare.

Eleanor Oliphant – wortgewandte Einsamkeit

Gail Honeyman hat mit Ich, Eleanor Oliphant (Originaltitel: Eleanor Oliphant is completely fine) ein berührendes, unaufgeregtes Drama über die innere Reise aus der Einsamkeit zu Glück und sich selbst geschrieben.

Eleanor Oliphant erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form und in ihrer eigenen bemerkenswerten Stimme. Gail Honeyman braucht nur wenige Seiten, um ihre Hauptfigur und Erzählerin zu etablieren und uns, den Leser, in die einsame Tragik dieser von ihren Gefühlen und Sehnsüchten abgeschnittenen Protagonistin hineinzuziehen.

Genres: Education Plot, Buddy Love, Emotional Detective Story

Ich, Eleanor Oliphant ist ein Entwicklungsroman, der seine Figur liebevoll vom Negativen zum Positiven führt. Zu einer lebensbejahenden Haltung nach Jahren in Dunkelheit und den Mauern eines Gefängnisses, dessen Wände aus Schuld, Trauer, Trauma und Selbstschutz bestehen. Der Konflikt bei einem solchen Plot entsteht aus den Gewohnheiten und Einstellungen der Hauptfigur, die – allem Selbstschutz als Zweck zum Trotz –selbstzerstörerisch sind. Eleanor hat keine Feinde im Außen, sondern das Monster, gegen das sie kämpfen muss, verbirgt sich in ihr selbst.

Jahrzehntelang hat Eleanor sich weggeduckt, sich von der Welt und ihren Gefühlen abgeschnitten. Sie hat die Einsamkeit umarmt. Bis zwei Ereignisse sie aufrütteln, und damit setzt der Roman ein:

Erstens: Eleanor verknallt sich in den Sänger einer Band. Spätestens hier wissen wir: Eleanor Oliphant ist auf einer Suche. Schön klassisch gibt ihr Gail Honeyman dabei eine falsche Suche, einen falschen Wunsch, während wir als Leser die ganze Zeit wissen, dass es mit Johnnie dem Sänger nur schlimm enden kann.

Zweitens: Eleanor trifft Raymond. Diese Begegnung – der eigentliche anfängliche Wendepunkt – setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die Eleanor zeigen, was Leben sein könnte und welche Möglichkeiten in ihr schlummern. Eleanor Oliphant ist eine Überlebende. Aber keine Lebende. Und so bekommt sie für ihre Heldenreise einen Mentor und Freund an die Seite gestellt: Raymond.

Was zwischen Raymond und Eleanor Oliphant entsteht, ist eine Liebesgeschichte im Sinne von Blake Snyders „Buddy Love Genre“. Solchen Geschichten liegt eine Tranformation zugrunde. Einer Figur wird eine andere Figur andere an die Seite gestellt, durch die sie Vervollständigung erfährt. Das kann, muss aber keine romantische Liebe sein.

Um neu geboren zu werden, muss sich Eleanor  jedoch ihrer Vergangenheit stellen. Was ist Eleanors Geheimnis? Welches Trauma hat sie durchlebt? Hier bewegen wir uns in einer emotionalen Detektiv-Story, die dem Leser keine Knalleffekte bietet, sondern einen ruhigen Strom aus Hinweisen, der ganz dem Charakter dieser unaufgeregten, logischen Hauptfigur entspricht.

Sprache und Ich-Perspektive als Einheit

Ich habe den Roman auf Englisch gelesen und hoffe, dass die deutsche Übersetzung (erschienen bei Lübbe)  die Sprache Eleanors, mit der sie uns ihre Geschichte erzählt, einfängt in all ihrem Witz, ihrer Wortgewandtheit, Distanz, Sehnsucht und Tragik. Denn ist die Sprache, die diesen Roman zu einem Meisterwerk macht.

Eleanor Oliphant is completely fine führt uns mit der Hauptfigur als Ich-Erzählerin durch die Geschichte. Ihr Stil ist einzigartig. Eleanor liebt Kreuzworträtsel und sie redet wie eines. Sie benutzt Worte und eine Grammatik, wie wir sie von einer siebzigjährigen Professorin erwarten würden, und zeigt allein durch ihre Ausdrucksweise, wie fast schon absurd anders sie ist, wie distanziert und weltfremd.
Doch die Sprache enthüllt ebenfalls, welch Humor, Intelligenz und Ironie in Eleanor schlummern. Die Art, wie sie die Welt kommentiert, lässt uns lachen, selbst wenn die dahinter steckende Einsamkeit unsäglich traurig ist.

Die Stimme der Figur spiegelt und enthüllt ihren Charakter. Doch Gail Honeyman stimmt auch Kleidung, Essen, Wohnungseinrichtung, all die kleinen alltäglichen Dinge perfekt auf ihre Figur ab, um sie lebendig und authenthisch zu machen.

Über Einsamkeit und die Absenz von Gefühlen

Einsamkeit endet, wenn wir Emotionen lernen, uns ihnen öffnen, anstatt sie zu begraben oder zu vermeiden. Einsamkeit hat keinen Raum unter wahren Freunden und Familie.

Mit dieser Kernidee hat sich Gail Honeyman ein Thema vorgenommen, das wenige Menschen kalt lässt. Es schreit nach Empathie, es berührt unsere Urängste. Große Romane werden nicht über geringfügige Werte geschrieben oder über bedeutungslose Themen. Große Geschichten handeln von großen Dingen: Liebe, Freundschaft, Familie, Erlösung.

Gail Honeyman versteckt ihr Thema nicht, sie schreibt weder subtil noch aufdringlich. Mich erinnert dieser Stil, der die Intelligenz des Lesers anerkennt, es ihm jedoch nicht schwer macht und ihm ein gutes Ende schenkt, an Disney und Pixar. Deren Filme sind Geschenke an ihr Publikum. Dieses Buch ist auch ein solches Geschenk.

Ich, Eleanor Oliphant ist ein lebensbejahender, Hoffnung gebender Roman. Platt gesagt (Eleanor Oliphant würde anders als ich hier ein viel besseres Wort finden): Es ist ein schöne Geschichte.

drei unaufgeregt fließende Akte

Eleanor Oliphant ist kein Roman der bombastischen Wendepunkte und knalligen Konflikte. Am deutlichsten wird das gegen Ende, ab dem Wechsel vom zweiten zum dritten Akt.

Der große Knall bleibt aus – entgegen dem, was man als Leser vielleicht an Schlimmem bzw. an sensationellen Peinlichkeiten erwartet. Eleanor hat „bloß“ eine Erkenntnis, woraufhin sie handelt, wie wir es die ganze Zeit befürchtet haben. Der Tiefpunkt ist erreicht – und wird auf wenig überraschende Art überwunden.

Der letzte Akt setzt sich erstmals ohne großen End-Konflikt oder Überraschung fort. Wenn sich Eleanor endlich ihrer Vergangenheit stellt, strömen die Erkenntnisse sanft und schrittweise. Aus struktureller Sicht und Konfliktperspektive wirkt das etwas mager, das Buch scheint zunächst auszutröpfeln. Ich habe diesen Teil trotzdem gerne gelesen, denn die Autorin hat einerseits genügend unterhaltsame Untiefen eingebaut (z.B. das „Ihre-Zeit-ist-leider-rum-Gehabe bei der Psychotherapie). Andererseits war ich froh, Eleanor dabei zusehen zu können, wie sie Schritt für Schritt zum Glück findet und ihre letzten notwendigen Erkenntnisse durchlebt. Ein entspannendes Ende, das trotz seiner fehlenden „End-Schlacht“ befriedigt und dem Buch gerecht wird.

Und auf den letzten Seiten überrascht Honeyman uns dann doch noch einmal, wenn wir es nicht schon geahnt haben. Unaufgeregt, konsequent enthüllt das Monster sein wahres Versteck. Aber da ist es bereits besiegt.