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Der innere Geschichtenerzähler und Story

Geschichtenerzählen findet nicht nur zwischen Buchdeckeln oder auf Bildschirmen statt, in Theaterräumen oder Comics. Storytelling passiert jeden Tag, jede Stunde: in unseren mit uns selbst beschäftigten Gedanken. Mit unseren Geschichten erschaffen wir unsere Welt.

Geschichten machen oder lassen?

Geschichten haben immer einen Erzähler und einen Zuhörer. Doch wie oft sind unsere Selbsts beides in Personalunion?

Zenmeister Alexander Poraj schreibt in einem Impulsbeitrag des Benediktushof-Magazins vom Juni 2021, dass Geschichten Bewusstseinszustände künstlich am Leben erhalten, und „je stärker (eine Emotion) ist, umso umfangreicher muss die jeweilige Narration sein, die sie ‚erklären‘ soll.“ 

Das ist Geschichtenerzählen vom anderen Ende her betrachtet. Es legt den Finger darauf, wie wir uns jeden Tag unser Leben erklären, es dabei selbst formen – oder uns gar zu ihm verdammen. Dieses Storytelling macht uns nicht nur zum Erzähler sondern auch zum – oft alleinigen – Zuhörer (und meistens zum Hauptdarsteller oder zumindest zur Nebenfigur) in einem. 

Gefühle und Gedanken wecken und füttern unsere Narrationen. Die Narrationen nähren unsere Gefühle und Gedanken. Dies ist der Kreislauf, den Meditation und Achtsamkeitsübungen durchbrechen wollen.

Der alltägliche innere Geschichtenerzähler 

Menschen projizieren die Geschichten, die sie um ein Erlebnis herum stricken, auf sich selbst zurück. Unbewusst basteln sie an der Realität einer Erfahrung, die sie sich immer wieder erzählen. Wir überhöhen, färben, erklären, knüpfen Beziehungen zu Vergangenem und Künftigem, zu Umwelt und Gegenständen, was man dann Symbolik nennt. Wir machen eine Geschichte aus etwas, was einen Moment lang besonders war. Der Moment ist weg, aber eine Geschichte soll bleiben und will gefüttert werden. 

Schnell folgen unsere Denkmuster den Geschichtsautobahnen im Gehirn, die wir selbst gebaut haben. Im schlimmsten Fall fährt die Drama-Queen in uns nicht mehr nur im Bus mit, sondern rückt ans Steuer und drückt das Gaspedal durch.

Aber wozu machen wir das eigentlich? Wieso „machen wir eine Story draus“? 

Meditation: Die Kunst, sich selbst nicht zuzuhören 

Geschichten erklären uns das Wie und Warum des Lebens; dazu sind sie da. Sie erklären, wer wir sind und schaffen Identität wie Identifikation. Dazu brauchen wir sie, und allzu oft brauchen wir sie eben nicht, vor allem dann, wenn sie Probleme verstärken anstatt sie zu lösen. 

Wie viele Beziehungen zerbrechen an den Geschichten, die wir uns über unseren Partner oder uns selbst erzählen? Wie viele Jobs, Hobbies, Bekanntschaften geben wir auf, weil wir, einem gewissen Narrativ folgend, aus einer Mücke einen Elefanten gemacht haben? Weil wir eine Geschichte nicht loslassen können?

Am Ende seines großartigen Beitrags lädt Poraj ein, uns „ein wenig darin üben, das Gefühl oder die Emotion einzig und allein auf die jetzt stattfindende Situation zu beziehen, anstatt sie narrativ zu verallgemeinern“, und es stattdessen bei dem „gewöhnlichen Sosein“ zu belassen. „Dieses Sosein nämlich, unmittelbar empfunden, ist in der Regel reichhaltiger an Gefühlsschattierungen als die durch Narration verstärkte Emotion.“

Geschichten: Problem oder Lösung?

Stehen Geschichten also immer zwischen uns und der Realität?  Verpassen wir im Geschichten-Erzählen das eigentliche Leben?

Die Antwort: Das kommt darauf an. Es gibt Geschichten, und es gibt Geschichten im Sinne von STORY. 

Das kleine geschichtenerzählende Ego im eigenen Kopf ist nicht einfach gleichzusetzen mit einer Story, die Kafkas Anspruch folgt: nämlich dass sie „die Axt für das gefrorene Meer in uns“ sein soll.

Geschichten haben die Kraft, uns Klarheit und tiefe Einsichten in die Zusammenhänge des Lebens zu schenken. Geschichten können uns aufwecken. 

„Schreib den wahrsten Satz, den du weißt“, soll Gertrude Steins Schreibtipp für Ernest Hemingway gewesen sein. Darin schwingt der Anspruch in eine Einsicht in die Wirklichkeit mit, die nach Ausdruck sucht. Im besten Fall ist diese Einsicht oder Erfahrung universal.

Es ist unsere Aufgabe, den bestmöglichen Ausdruck zu suchen. Storytelling ist dabei unsere bewährteste Form der Kommunikation. Wieso wohl erzählen alle Religionen und spirituellen Wege Geschichten? Sogar das Zen erzählt Geschichten. 

Geschichten wollen das Leben ausdrücken, aber sollen sie es deshalb machen

Geschichten des kleinen Ego – oder STORY?

Nutzen wir Geschichten, um das Leben zu finden, um ein Licht in die Wirklichkeit zu werfen und Tiefe zu erfahren? Um, wie Robert McKee in STORY schreibt, Welten zu entdecken und unseren Verstand auf neue Art zu bewegen? Oder nutzen wir Geschichten, um uns ständig selbst zu rechtfertigen und unser kleines Ich zu perpetuieren?

Auch Geschichten müssen wir loslassen lernen. Selbst wenn man Kafka leichter ins Regal zurückstellen kann als den eigenen Affengeist. In Story, wie Robert McKee es versteht, tritt der reife Künstler hinter sein Werk zurück. In den Geschichten, die wir uns ständig im Kopf erzählen, kreisen wir immerzu um uns selbst. Geschichten in diesem Sinne sind nicht gleich STORY. 

Geschichten sind, wie jedes gute Werkzeug, zweischneidig. Ein Meister beherrscht sie. Andere werden von ihnen beherrscht. Deshalb ist es gut sie zu kennen. 

Narrativium nennt Terry Pratchett sein Element in den Scheibenwelt-Romanen und beschreibt damit eine Naturkraft, mit der alles in der Scheibenwelt schön nach Geschichtsregeln läuft – kulturell wie psychologisch. In unseren Gehirnen ist Narrativium eingebaut. Oft blitzt und blinkt es wie ein goldener Ring. Es ist an uns zu entscheiden, ob wir Gollum sind oder Samweis und Frodo.