Zengarten

Zen & Storytelling: Mach keine Geschichte draus

Mein erstes längeres Meditations-Retreat begann damit, dass mir der Zenmeister mit auf den Weg gab: »Mach keine Geschichte draus.« 

Ist ein Zen-Sesshin der falsche Ort für eine, die mit Storytelling ihr Geld verdient? Propagiere ich als Story Coach nicht, eine Geschichte aus allem zu machen? Dramatisiert eine Geschichtenerzählerin nicht alles, was ihr an Erfahrungen, Erlebnissen, Gefühlen über den Weg läuft? Gehen Zen und die Kunst, Geschichten zu erzählen, überhaupt zusammen?

Es gibt ganze Bücher zum Thema des kreativen Schaffensprozesses, über Zen in der Kunst des Schreibens, doch hier möchte ich auf einen Aspekt jenseits von kreativem Schaffen oder künstlerischem Flow eingehen: nämlich ob uns das das Verständnis, wie Storytelling funktioniert, auf dem Weg der Meditation und Achtsamkeit helfen kann?

Geschichten verstehen als Hilfe auf dem Meditationsweg?

Wer sich mit Funktion, Struktur und Werkzeugen des Storytelling beschäftigt, dem wird bewusster, was eine –  oder eben keine – „Geschichte draus machen“ beinhaltet. Es bleibt nicht nur ein Satz, den wir halbgar verstehen, sondern gewinnt die Qualität einer konkreten Aufgabenstellung. 

Ich weiß, was Geschichten ausmacht, welcher Mittel und Werkzeuge sie sich bedienen. Ich weiß, auf welchen Wegen sie beeinflussen, manchmal gar manipulieren, wie sie entstehen. Kurz, ich weiß, wie Stories funktionieren und wie sie ihre Macht beziehen. 

Unbewusstes ins Bewusstsein bringen 

Je tiefer die professionelle Einsicht in die Prinzipien von Storytelling, desto leichter umreißen wir, wenn und wie Menschen Geschichten erschaffen und erzählen. Meistens tun wir das recht unbewusst. Doch um unbewusste Vorgänge ins Bewusstsein zu holen, brauchen wir Training.

Terry Pratchett nannte uns „Homo narrans“, den Geschichten erzählenden Affen. Geschichten gehören zu unserer DNA, wir können sie nicht abstellen und wollen es meistens auch nicht. Aber wir können lernen, sie klarer wahrzunehmen und einzufangen. Damit wir unsere Geschichten beherrschen, aber sie nicht uns. Damit wir diesen Affengeist, der sich so leidenschaftlich von Story-Liane zu Story-Liane schwingt, besser zähmen lernen.

Im Prozess des Schaffens oder Erzählens einer Geschichte suche ich nicht nur nach Wendepunkten und Konflikten. Ich setze Dinge in Beziehung, webe, schaffe Symbolik, kreise um ein Thema, um Werte oder eine Suche, orientiere mich an den größten Emotionen, denn sie versprechen die kraftvollste Geschichte. Ich dramatisiere, ich projiziere, ich benutze die Werkzeuge des Storytelling, um Leser und Zuschauer zu beeinflussen. Ich lasse aus Worten Gefühle entstehen, aus Gedanken Emotionen; ich ändere Bewusstseinszustände … Und all das im vollen Bewusstsein, was ich tue, mit der Fähigkeit, diese Vorgänge und Werkzeuge zu benennen und zu beschreiben, was da passiert. 

Diese Übung im Schaffensprozess oder in der Analyse der Geschichte anderer kann mir helfen, Projektionen schneller zu erkennen genauso wie dramatische Aufladungen. Gedanken erschaffen Gefühle und ganze Welten; Gefühle verlangen große Narrationen; Geschichten sind mächtig – das ist für den Geschichtenerzähler Handwerk, Wissen, täglich Brot. 

Unsere eigenen Geschichten einfangen

Glauben wir, als Schriftsteller oder Storykenner dem allen außen vor zu stehen, konfrontiert uns ein Meditations-Retreat mit der Realität. Aber wir können vielleicht ein wenig schneller genauer hingucken, sehen, was wie passiert und sagen: „Ich kenne dich!” Wir erleben, dass wir das, was wir sonst mit Romanfiguren tun, genauso bei uns selbst tun. 

Manchmal gelingt es, die eigenen Geschichten im selben Moment, in dem sie in mir selbst entstehen, zu greifen und sie in ihrer narrativen Wucht zu erfassen. In diesen Augenblicken stehe ich an einer Türschwelle und kann wählen: Folge ich der Narration in ihre Welt oder lasse ich es?

Eine Geschichte verhungern zu lassen – da weint die Autorenseele, aber hoffentlich nur kurz. Als Gewinn lockt womöglich die Freiheit – und, nebenbei, eine neue, hilfreiche Sicht auf Geschichten, den Menschen und das Leben im Großen und Kleinen.

Perspektivwechsel: Schwerter gegen das eigene Drama

Wie uns Rumpelstilzchen lehrt, sind die Momente des Benennen-Könnens von großer Kraft. Sie eröffnen uns die Möglichkeit, den Fuß von der Schwelle zu nehmen – wenn wir den Verführungen der Dramatisierung widerstehen, und diese Verführungen sind vielfältig.

Wir lieben Geschichten und unsere eigenen am meisten. Wir lieben es, uns selbst zu lauschen. Wir lieben es, Schöpfer zu sein, Hauptfigur, Thema und Erzähler. Wenn wir die Geschichten selbst erzählen, glauben wir sie natürlich vor allen anderen.
Was dagegen hilft? – Wiederum ein Aspekt des Storytelling: die Notwendigkeit von Perspektivwechseln, also das Hineinversetzen in Personen und die Frage: Durch welche Kamera blicke ich gerade? (Was voraussetzt, dass ich überhaupt erkenne, dass eine Kamera an ist und ich durch eine bestimmte Linse blicke. Wir geben uns leider immer wieder gerne dem Trugschluss hin, allwissender Erzähler des Lebens zu sein).

Im Storytelling trainiere ich die Erfahrung, dass meine Realität nicht die Wirklichkeit des anderen sein muss und dass sich alle Menschen in jedem Augenblick ihre Welt kreieren. Ebenso kann ich im Storytelling die Fähigkeit üben wahrzunehmen, wie verschiedene Blickwinkel, Erzähler, Perspektiven das Erleben von Begebenheiten beeinflussen.

Wenn wir aus Gedanken unsere Welt erschaffen, und das schon bei der Einkaufsliste beginnt, was passiert dann erst, wenn wir ganze Stories um unsere Niederlagen, enttäuschten Gefühle, Unsicherheiten, Verliebtheiten und Erfolge spinnen?

Egal ob wir Hochhäuser bauen oder sprengen wollen, ob wir Geschichten schaffen oder seinlassen wollen: Bewusstsein und Wissen um Prozesse und Konstruktionen hilft.