Storytelling – Nur zur Unterhaltung oder wozu?

Wozu erzählen wir Menschen Geschichten? Was ist der Zweck von Storytelling, sein evolutionärer Vorteil? Was gewinnen wir, wenn wir einer guten Geschichte lauschen oder sie erzählen, außer Unterhaltung?

Storytelling – der mindestens zweitälteste Job der Welt

Geschichten Erzählen ist mindestens der zweitälteste Job der Welt. Job in dem Sinne, dass er nicht dem unmittelbaren Überleben wie z.B. Jagen oder Werkzeugherstellung dient, sondern einen Ansatz von Arbeitsteilung beinhaltet. À la: „Ich erzähle dir eine Geschichte und du teilst dafür dein Mammut mit mir.“

Aber wieso haben Geschichten einen Wert? Wieso nicht ein „Ratgeber“ als ältester Beruf? Consultants – die Berufsgruppe, die Homo habilis & Co auf den Weg Richtung industrielle Revolution schickte? – Eher nicht.

In den Gelehrten der Scheibenwelt stellen der britische Autor Terry Pratchett und seine Mitautoren fest, dass wir nicht zum Mond geflogen sind, weil wir einen Antrieb entwickelt haben, mit dem das ging. Wir sind zum Mond geflogen, weil wir uns seit Generationen diese Geschichte erzählen.

Wozu brauchen wir Geschichten?

Ein großer Teil unseres Wissens stammt aus Geschichten. Geschichten sind geteilte Erfahrung. Sie erzählen uns beispielsweise, wie wir in einer bestimmten Situation überleben. Aber Geschichten erklären uns mehr als nur das „how to“ – wie man etwas am besten macht und was man besser sein lässt. Sie geben uns mehr als Fakten. Sie geben uns mehr als Wissen.

Geschichten geben uns Verständnis.
Geschichten geben uns Identität.
Geschichten geben uns Richtung.

Geschichten unterhalten uns.
Geschichten lehren uns.
Geschichten berühren uns.

Geschichten im Sinne von Story vereinen Herz und Verstand.

Geschichten erzählen uns keine eindimensionalen Erfolgsstories. Geschichten erzählen von Krisen, Konflikten, Wendepunkten im Leben, Entscheidungen, die getroffen wurden, Dingen, die verloren wurden. Sie erzählen von Scheitern. Von Transformation. Sie erzählen uns die Wahrheit über die Welt und das Leben. Sie erklären uns, wie uns warum sich das Leben wandelt.

In Geschichten lernen wir durch Empathie. Das heißt über einen „Helden“, einen Protagonisten, mit dem wir uns identifizieren.

Dein Lehrer sagt dir, du sollst die Finger von Heroin lassen, weil das gefährlich ist?
Oder:
Dein Freund erzählt dir, was mit ihm und seiner Familie, seinen Freunden, seinem Leben passiert ist, als er sich mit Heroin eingelassen hat?
Woran würdest du dich erinnern? Was wird den größeren Effekt haben?

Manche Pessimisten sagen, jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen, um zu lernen. Das trifft vielleicht auf einen bestimmten Abschnitt in unserem Leben zu wie vor allem die Pubertät, aber an Kindern allein können wir jeden Tag beobachten, wie sie aus Geschichten lernen. Erzähle einer Siebenjährigen eine Geschichte, wie ein Mensch durch Steinschlag ums Leben kam, und schau, wie sie reagiert, wenn sie an einem Steinschlag-Warnschild vorbeikommt. Geschichten helfen uns, sicherer zu handeln und Entscheidungen zu treffen. In Geschichten werden Probleme auf das menschliche Maß heruntergeholt und ihre Protagonisten zu Stellvertretern von uns selbst.

Geschichten: Wissen und Weisheit

Geschichten helfen uns, selbst die abstraktesten Prinzipien zu verstehen. Zum Beispiel der Film Interstellar: Wir können die Relativitätstheorie vielleicht nicht direkt nachvollziehen, aber wir verstehen nach dem Film, was es bedeutet, wenn Zeit relativ ist.

Geschichten trainieren unsere mentalen Fähigkeiten. Sie trainieren unser Was-wäre-wenn?- Denken und bereiten uns auf die Zukunft vor. Die Welt diskutiert über künstliche Intelligenz? Wir kennen I, Robot, Terminator, Ex Machina. Fiktionale Geschichten haben uns erklärt, worum es geht, bevor die Zukunft zur realen Geschichte wird.

In Stories stärken wir unser Miteinander. Geschichten stärken unsere Empathie, weil sie uns darin trainieren, wie es ist, in den Schuhen einer anderen Person zu stehen, zu fühlen, was andere fühlen. Wir lernen durch Geschichten, uns selbst und andere besser zu verstehen. Wir werden uns der eigenen und anderer Leute Werte und Motivation bewusst.
In einer guten Story enthüllt sich der Tiefencharakter eines Menschen über seine Taten. Geschichten geben sich nicht damit zufrieden, was ein Mensch über sich oder andere denkt oder sagt. Geschichten zeigen, wie er handelt.

In Geschichten drücken wir unsere Kultur aus. Geschichten, die wir erzählen, schaffen einen Raum gemeinsamer Identität. Fühlen wir nicht eine gewisse Zugehörigkeit, Vertrautheit, wenn wir im Buchregal eines Fremden ein Buch entdecken, das uns gefallen hat?
Religionen drücken sich durch Geschichten aus.
Geschichten vermitteln unsere Werte, unseren moralischen Kompass. Wenn wir alle mehr Disney-Filme schauen würden, wäre die Welt sicherlich kein schlechterer Ort.

Geschichten erinnern uns an das Potential, das in uns steckt. Im Guten wie im Schlechten.

Pan narrans

Terry Pratchett nennt uns Pan narrans. Den Geschichten erzählenden Affen.

Und er weist darauf hin, dass Geschichten keine Monster schaffen. Sie zeigen uns, dass sie getötet werden können.

 

Welche Beispiel aus deinem eigenen Leben, deiner Lektüre, deinem Film-, Theater-, TV-etc. Konsum anführen, wo eine Geschichte im Sinne der oben beschriebenen Zwecke und Effekte „gewirkt“ hat?

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